Als vor wenigen Tagen ein Rettungspaket für Griechenland angekündigt wurde und sich die Märkte erholten, konnten die defensiven Werte Novartis und Roche nicht profitieren. Daran wird sich auch kaum etwas ändern, dass die Experten sowohl bei Roche am Donnerstag, 15. April, als auch wenige Tage später bei Novartis von soliden 1.-Quartals-Zahlen ausgehen.

Vor allem die bedeutende Onkologiesparte von Roche dürfte sich laut der Bank Vontobel erfreulich entwickeln und deutlich zum Umsatzwachstum beitragen. Das Krebsmedikament Avastin gilt bei Experten als ein beinahe konkurrenzloses Produkt, das sich nach einer Schwächephase im 4. Quartal des letzten Jahres nun wieder gut verkauft. «Der Avastin-Erlös wird stark wachsen», so Michael Nawrath, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Bereits im letzten Jahr betrug der Absatz rund 6 Mrd Fr. Der Einsatz des Medikaments bei weiteren Krebsarten verspricht zusätzliches Potenzial.

Zwiespältige Studienresultate

Zwar haben jüngst Studien Zweifel daran aufkommen lassen, ob sich Avastin auch beim Einsatz gegen Magen- und Prostatakrebs eignet. Doch das Problem sei dabei das ungenügende Studiendesign, so der Experte. Denn Avastin habe bereits den Beweis erbracht, dass es, längerfristig eingesetzt, gerade gegen Krebsableger (Metastasen) wirksam sei. In der Schweiz kostet die Therapie rund 40000 Fr. Dieses Preisniveau ist bei einem langfristigen Einsatz zwar nicht zu halten, doch der Preisrückgang könnte durch das grössere Absatzvolumen mehr als wettgemacht werden. «Da das Medikament sehr vielseitig einsetzbar ist, ist der Preisrückgang von Avastin für Roche keine Sorge», so Nawrath. Zuletzt sorgte die enttäuschende Versuchsreihe beim Einsatz von Ocrelizumab bei Rheumapatienten ebenfalls für Verunsicherung. «Derselbe Wirkstoff hat ein vielversprechendes Potenzial beim Einsatz gegen Multiple Sklerose», so Nawrath. Daher werde sich auch diese Entwicklung in Zukunft für Roche auszahlen.Gerade die Innovationen, die aus den Laboren der Roche-Tochter Genentech stammen, begeistern die Fachwelt. Genentech geniesst einen ausgezeichneten Ruf, das Unternehmen veröffentlicht mehr Artikel in wissenschaftlichen Publikationen als so manche US-Eliteuniversität. «Bei Genentech reifen mehrere Produkte mit einem Marktpotenzial, das in die Milliarden gehen könne», so Nawrath. Der Einfluss der US-Gesundheitsreform auf die Pharmaindustrie scheint zudem geringer als befürchtet. Der Druck auf die Medikamentenpreise wird durch die 32 Mio Versicherten aufgewogen, die neu Zugang zu medizinischen Leistungen erhalten sollen. Der Patentschutz wird durch die Reform gestärkt und auf zwölf Jahre ausgebaut. Davon sind Roche und Novartis momentan ohnehin nur geringfügig betroffen. Bei Roche steht bis 2015 kein bedeutender Ausfall an, und Novartis muss mit dem Blutdrucksenker Diovan nur einen gewichtigen Patentablauf kompensieren. Sollte zudem die Nachfrage nach Nachahmerprodukten ansteigen, könnte Sandoz, die Generika-Sparte von Novartis, profitieren.

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Alcon-Aktionäre stellen sich quer

Auch der Widerstand der Alcon-Minderheitsaktionäre gegen den Verkauf des Augenheilmittelkonzerns von Nestlé an Novartis dürfte sich bald legen. Da der Kursrückgang der Novartis-Aktie das Kaufangebot pro Alcon-Aktie auf unter 150 Fr. sinken liess, nahm der Frust wieder zu. Die Situation lässt sich jedoch mit der Übernahme von Genentech durch Roche vor einem Jahr vergleichen. Denn nicht nur die Produkte, auch die kreativen Köpfe von Alcon sind ein entscheidender Faktor. Das Unternehmen wird nach der Übernahme gegen 20% zum Novartis-Umsatz beitragen. Vor allem das Management von Alcon ist für die Zukunft von Novartis zu wichtig, als dass Novartis dessen Abgang riskieren würde. Es ist daher davon auszugehen, dass Novartis das Angebot für die Alcon-Minderheitsaktionäre verbessern wird. Bei einem Gesamtvolumen von 50 Mrd Dollar wird das kaum mehr ins Gewicht fallen. Aufzuhalten ist die Transaktion laut Marktexperten kaum und wird im 3. oder 4. Quartal abgeschlossen werden. Roche und Novartis haben sich in den letzten Monaten für die Zukunft aufgestellt und sind daher bei den Analysten hoch im Kurs. Die Experten von Standard & Poor's bewerten Novartis bei den aktuellen 57 Fr. als Kauf (Kursziel von 64 Fr.) und Roche sogar als «Strong Buy». Das bei einem Ziel von 214 Fr. (aktuell: 173 Fr.). Anleger setzen so nicht nur auf die fundamentalen Qualitäten der Pharmariesen, sondern besitzen auch ein defensives Pfand, sollte den Märkten im 2. Quartal tatsächlich die Luft ausgehen.