Die chinesische Kleinstadt Honghe, 90 Fahrminuten von Schanghai entfernt, hat sich in den letzten 20 Jahren eine komfortable Nische in der globalen Ökonomie eingerichtet: Zuletzt arbeitete mehr als die Hälfte der 100 000 Einwohner in 100 Fabriken und 8000 Läden, die pro Jahr gut 200 Mio Pullover stricken, färben, verpacken und exportieren. Nach Angaben der Kommunalregierung erzielen die Betriebe damit einen jährlichen Umsatz von 650 Mio Dollar.

2008 hätte ein grosses Jahr für Chinas «Pullover-Stadt» werden sollen. Im Mai wurde die 22 Meilen lange Hangzhou-Bay-Brücke eröffnet, die die Fahrtzeit zum Containerhafen in Ningbo halbiert. Wal-Mart baut ein grosses Vertriebszentrum, und im Dezember werden zahlreiche Textilquoten auslaufen, die den chinesischen Export von Bekleidung in Länder wie die USA limitieren.

Doch nun werden Läden und Fabriken geschlossen, viele Wanderarbeiter kehren nach Hause zurück. Schuld daran seien gestiegene Kosten für Rohmaterial und Energie, sagen die Hersteller. Und die erstarkte chinesische Währung verteuert Produkte aus Honghe auf den wichtigen Märkten, etwa in den USA. Dort war nach Angaben des US-Handelsministeriums im Mai eine rekordverdächtige Preissteigerung chinesischer Waren um 4,6% im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen.

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Ausländer werden abgeschreckt

Auch Peking selbst trage zum Rückgang bei, monieren die Unternehmen. So stiegen die Kosten durch einen verbesserten Schutz für Arbeiter und Umweltauflagen. Zudem erschwerten strengere Visavorschriften die Einreise potenzieller Kunden aus dem Ausland. Nirgends sind die Auswirkungen so gravierend wie bei Betrieben, die die weltweit grosse Nachfrage nach preiswerten Gütern wie Spielzeug, Schuhe und Bekleidung bedienen. Die Hersteller der Billigprodukte waren der Hauptantrieb für Chinas Wirtschaftswunder, das das Land zum zweitgrössten Exporteur (hinter Deutschland) machte.

Am deutlichsten wird die Veränderung in den «Boomtowns» sichtbar, deren Wohlstand von der Produktion eines einzelnen Billigprodukts abhängt. In Shengzhou etwa wird ein Drittel aller weltweit produzierten Krawatten hergestellt. Hunderte, wenn nicht tausende Läden wurden in den letzten Monaten geschlossen. «Das ist das Jahr des endgültigen Umschwungs. Zum ersten Mal in der Geschichte steigen die Preise», erklärt Peter Shay, Berater für die Modeindustrie in Hongkong bei der Marketing Management Group.

«Wir machen uns grosse Sorgen», sagt auch Yao Herong, Chef von Jiaxing Yishangmei Fashion, einer der grössten Exportfirmen in Honghe. Der Familienbetrieb erlebte 2005 einen grossen Aufschwung, als er Wal-Mart als Grossabnehmer gewinnen konnte. Bald machten die Exporte in den US-Markt 20% seines Geschäfts aus. Doch nun blieben Aufträge von Wal-Mart und anderen US-Kunden zunehmend aus, so Yao. So schmerzhaft die Verluste auch sein mögen, läuten sie vielleicht eine neue Runde in der chinesischen Wirtschaftsentwicklung ein. Die Textilindustrie, die nach Ansicht von Experten zu sehr auf billige Produktion ausgerichtet war, muss konsolidieren und modernisieren, um nicht nur über den Preis konkurrenzfähig zu sein.

Die Vorteile in China überwiegen

«Die grosse Abhängigkeit vom Aussenhandel ist nicht gut für China», sagt Yu Yongding von der chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften. In China tragen die Exporte rund 75% zum BIP bei, in den USA und in Japan dagegen gerade mal um die 20%.

Dennoch wird China noch auf längere Sicht eine Exportmacht bleiben, denn das Land liefert auch Maschinen und andere hochwertige Produkte, die von Lohnerhöhungen nicht so sehr beeinflusst werden. Zudem sind eine gute Infrastruktur sowie die grosse Menge an Zulieferern Pluspunkte, die dem Land einen Vorsprung vor anderen Schwellenländern verschaffen.