Noch nie haben Unternehmen so viele ihrer Wertpapiere an der Börse zurückgekauft wie im vergangenen Jahr: Allein die 500 grössten US-Firmen erwarben 2018 eigene Aktien im Wert von 800 Milliarden Dollar; dieses Jahr sollen es sogar 1000 Milliarden werden – eine Billion Dollar. Auch Schweizer Firmen springen verstärkt auf diesen Trend auf.

Die Schweizer Börse SIX listet derzeit 20 Schweizer Firmen, die eigene Aktien zurückkaufen, darunter Adecco, Bâloise, Lindt & Sprüngli, Geberit, Swatch, Sonova sowie die beiden Grossbanken. Das weitaus grösste Rückkaufprogramm lancierte Nestlé bereits 2017: Für 20 Milliarden Franken will der Nahrungsmittelmulti bis 2020 eigene Aktien kaufen und tritt selbst als Käufer an der Börse auf. Das erhöht die Nachfrage und stützt – zumindest theoretisch – den Aktienkurs.

US-Firmen verschulden sich für Rückkäufe

Lohnend sind solche Rückkäufe allerdings nur, wenn die Aktien nicht überbewertet sind. Leider war es in der Vergangenheit häufig so, dass ausgerechnet dann sehr viele eigene Aktien zurückgekauft wurden, wenn die Börsenkurse im Hoch waren und bald abstürzten. Damit verpufft die Wirkung dieser Strategie.

Es ist kein Zufall, dass der letzte Rückkaufsrekord aus dem Jahr 2007 stammt. Damals gingen Aktien im Wert von 650 Milliarden Dollar an die ausgebenden Firmen zurück. Anschliessend brachen die Börsenkurse um ein Drittel ein: Die Finanzkrise 2008 hatte eingesetzt.

Der aktuelle Rekord der Aktienrückkäufe ist also mit Vorsicht zu geniessen – nicht zuletzt deshalb, weil einige US-Firmen sich sogar verschulden, um Aktien zurückzukaufen. Nach Berechnungen des 
Finanznachrichtendienstes Bloomberg geschah dies 2018 im Umfang von mehr als 50 Milliarden Dollar. Solche Schulden schmälern natürlich die finanzielle Solidität.

Aktienrückkäufe «im Interesse des Managements»

Doch gleichgültig, woher das Kapital für Aktienrückkäufe genommen wird: Dieses Geld steht der Firma nicht mehr zur Verfügung. Bei knappem Kassenstand muss daher von einem solchen Manöver abgeraten werden.

Umso mehr, als Manager nicht selten eigennützige Motive mit einem Aktienrückkauf verbinden: Ihre Leistung ist oft an Kennzahlen gekoppelt, die sich mit Aktienrückkäufen verbessern, etwa die Eigenkapitalrendite. Wenn Aktien zurückgekauft werden, verkleinert sich das Eigenkapital – die Firma ist finanziell weniger solide. Weil sich damit aber die 
Eigenkapitalrendite erhöht, urteilte Regula Simsa, Finanzanalystin bei der Basellandschaftlichen Kantonalbank schon vergangenes Jahr in einem Bericht: «Aktienrückkäufe zu maximieren, liegt daher im Interesse des Managements – auch wenn keine überschüssigen Mittel vorhanden sind.» Zum Beispiel bei den Grossbanken, die bis vor kurzem dringend Kapital auftreiben mussten, nun aber bereits wieder Aktien zurückkaufen. Credit Suisse will dafür dieses Jahr 1,5 Milliarden aufwenden, die UBS eine Milliarde.

Adriel Jost, Chefökonom beim Beratungsunternehmen Wellershoff & Partners: «Dabei haben beide Banken nur knapp mehr Eigenkapital, als ihnen die Schweizer Behörden vorschreiben.» Der UBS-Sprecher entgegnet: «Die Bank ist supersicher und übererfüllt alle Kapitalregeln ein Jahr, bevor wir das müssen.» Und jener der CS: «Credit Suisse ist eine grundsolide Bank. Das Aktienrückkaufsprogramm ist eigenfinanziert und ein Zeichen der Stärke.» Bei Grossbanken ist ein Eigenkapital von fünf Prozent der Bilanzsumme vorgeschrieben – ursprünglich hatte der Regulator zehn Prozent gefordert.

Dazu Wellershoff-Chefökonom Jost, früher Berater eines Mitglieds des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank: «Ich habe Sympathien für jene Ökonomen, die 30 Prozent Eigenkapital für die Grossbanken fordern.» 

Wie hoch das Eigenkapital der Grossbanken ist, spielt eigentlich kaum eine Rolle – wäre nicht zu befürchten, dass sie im Notfall vom Staat, also aus Steuermitteln gerettet werden müssten. Jost befürchtet, dass eine Rettung weiter unumgänglich wäre. Da Problem scheint also weiter ungelöst. 

Anzeige

Aktienrückkaufe – so geht das

Eine Firma kann ihr Kapital für den Ausbau der eigenen Geschäftstätigkeit verwenden. Etwa in neue Märkte (Innovationen) investieren oder andere Unternehmen übernehmen. Alternativ besteht die Möglichkeit, das Geld den Aktionären auszuschütten. Das geht über Dividenden oder Aktienrückkäufe. Der Vorteil der Dividenden ist, dass Aktionäre direkt Geld erhalten. Der Nachteil ist, dass sie es versteuern müssen. Letzteres ist bei Aktienrückkäufen nicht der Fall. Allerdings erhalten Aktionäre hier nicht direkt Geld. Aber in der Theorie sollten die Kurse ihrer Aktien steigen, wegen der Gewinnverdichtung.

Beispiel: Eine Firma erwirtschaftet eine Million Franken Gewinn pro Jahr. Sie hat eine Million Aktien ausstehend. Der Gewinn pro Aktie beträgt also einen Franken. Jetzt wird die Hälfte der Aktien zurückgekauft. Die Firma macht noch immer einen Gewinn von einer Million Franken, hat aber nur noch 0,5 Millionen Aktien ausstehend. Dann beträgt der Gewinn pro Aktie nun 2 Franken. Das sollte den Aktienkurs beflügeln. Das funktioniert allerdings nur, wenn die Aktie vorher nicht überteuert war.