Seit dem 1. Januar 2009 sind Sie CEO der Zurich Schweiz: Welche Ziele setzen Sie sich?

Thomas Buberl: Unser Hauptziel ist klar: Wir wollen die Nummer eins im Schweizer Nichtleben-Geschäft werden - derzeit stehen wir noch auf Platz zwei.

Und wann werden Sie dieses Ziel erreicht haben?

Buberl: Wir geben uns bis 2013 Zeit.

Wo wollen Sie Ende 2010 stehen?

Buberl: Ende Jahr will ich mindestens einen Viertel des Weges geschafft haben.

Ist das Jahr gut angelaufen?

Buberl: Das Jahr hat sehr erfreulich angefangen. Ich bin zufrieden mit dem, was wir bis jetzt erreicht haben. Wir sind bestens aufgestellt, um spätestens in drei Jahren hierzulande zur Nummer eins im Nichtleben-Geschäft zu avancieren.

Wie genau wollen Sie dies erreichen? Immerhin ist die Schweiz ja kein Wachstumsmarkt mehr für Versicherungen.

Buberl: Das stimmt. Im Nichtleben-Geschäft sehen wir einen harten Verdrängungswettbewerb. Man muss die Volumen, die man gewinnen will, den Mitbewerbern abjagen. Wachstum findet auch nicht ausreichend über die Lancierung neuer Produkte statt. Vielmehr muss man sich Bereiche suchen, wo man besser ist als alle anderen.

Anzeige

Wo orten Sie für die Zurich solche Wachstumsbereiche?

Buberl: Wir haben uns drei Bereiche ausgesucht, in denen wir wachsen wollen. Der erste ist das Privatgeschäft. Da können wir mit unserem Help-Point-Konzept Marktanteile dazugewinnen. Da sind wir heute schon puncto Kundenzufriedenheit die Besten.

Das behaupten alle.

Buberl: Gemäss unabhängigen Studien haben wir im Motorfahrzeugversicherungsbereich eine höhere Kundenzufriedenheit. Die Konkurrenten schneiden da schlechter ab.

Dafür arbeitet jeder mit einer Studie, bei der er zufälligerweise besser abschneidet. Wo sehen Sie für die Zurich sonst noch Wachstumspotenzial?

Buberl: Wachsen wollen wir aber auch im Gewerbesegment. Analog zu unserem Help-Point-Konzept entwickeln wir für KMU ein Dienstleistungspaket, das alle Assekuranzbedürfnisse der Kleinfirmen abdeckt - besonders das Risiko eines Betriebsunterbruchs. Und zulegen wollen wir nicht zuletzt bei den Firmen mit 200 bis 500 Mitarbeitern. Wir sind bereits die Nummer eins im Industriekundengeschäft. Diese Expertise wollen wir auch in diesem Bereich ausspielen.

Das ist schön und gut, aber Ihre Konkurrenten wie Bâloise, Axa, Helvetia oder Allianz schlafen ja auch nicht. Sie werden Ihnen nichts schenken.

Buberl: Ja, aber wir haben in den drei genannten Wachstumsbereichen ein Angebot, das sich differenziert und das die anderen nicht so schnell anbieten können. Wir sehen jetzt schon die ersten Erfolge.

Wie weit sind Sie denn mit der Zurich auf dem Weg, die Nummer eins zu werden?

Buberl: Ich habe vor einem Jahr begonnen und wir haben uns ein Zeitfenster von vier Jahren gesetzt. Im ersten Jahr haben wir die Strategie entwickelt und die Organisation ausgerichtet. Richtig gestartet sind wir im letzten Herbst. Wir dürfen sagen, dass wir in allen Wachstumsbereichen bereits schöne Erfolge erreicht haben.

Dann können Sie sicher konkrete Zahlen nennen?

Buberl: Nein, dafür ist es noch zu früh.

Anzeige

Sie behaupten aber, dass Sie Marktanteile gewinnen?

Buberl: Eindeutig.

Woher kommen denn die Kunden?

Buberl: Es gibt keine klare Tendenz. Wichtig ist derweil: Wir legen im Verdrängungskampf in unseren Zielsegmenten zulasten anderer zu.

Wie riskant ist Ihre Strategie?

Buberl: Die grössten Risiken liegen sicherlich in der Transformation. Wenn man jetzt zur Nummer eins werden will, müssen wir das Unternehmen völlig neu ausrichten. Bis 2013 bleibt nicht viel Zeit. Das grösste Risiko liegt darin, dass wir in der Transformation sehr schnell sein müssen. Die Mitarbeiter müssen verstehen, was wir wollen und welche Rolle sie zukünftig haben werden.

Wachstum hat immer einen Preis: Unterbieten Sie die anderen Versicherer, damit Sie Kunden gewinnen?

Buberl: Wir wachsen nicht um jeden Preis. Wenn die Marge nicht stimmt, bieten wir nicht mehr mit. Wir gehen nicht mit möglichst viel Rabatt in den Markt, sondern mit dem Ziel, die Kunden mit besseren Dienstleistungen zu überzeugen.

Anzeige

Aber ohne Kompromisse bei Preisen und der Marge werden Sie nie Nummer eins?

Buberl: Doch. Wir machen bei der Marge keine Kompromisse. Ein Geschäft, das keinen positiven Deckungsbeitrag bringt, wird nicht gezeichnet.

Auch das sagen alle.

Buberl: Aber wir verhalten uns anders. Wir haben in einigen Bereichen sogar Volumen verloren, weil wir keine Kompromisse bei der Marge gemacht haben. Ich habe lieber ein gesundes als ein möglichst grosses Portefeuille.

Trotzdem: Sie wollen ja die Nummer eins werden. Werden Sie zukaufen?

Buberl: Das schliesse ich explizit nicht aus. Doch sehr viele Opportunitäten gibt es in der Schweiz leider nicht. Aber wir sind offen.

Prüfen Sie Akquisitionsmöglichkeiten?

Buberl: Wir verfolgen den Markt sehr genau. Irgendwann kommt schon noch was. Aber die Wachstumsstrategie ist primär darauf angelegt, organisch zu wachsen.

Anzeige

Organisch wachsen: Heisst das, dass Sie zusätzliche Jobs schaffen?

Buberl: Ja, wir verfolgen beim Vertrieb eine andere Strategie als unsere Mitbewerber. Wir haben im Vertrieb nicht abgebaut und zentralisiert, sondern unser Agenturnetz von 108 Generalagenturen auf rund 160 Standorte ausgebaut und dementsprechend auch neue Leute engagiert. Denn meine Erfahrung aus meiner Vorzeit als Vertriebschef hat mir Folgendes gezeigt: Die produktivsten Agenturen sind jene, die in kleinen Teams arbeiten und nahe bei den Kunden sind - also sehr dezentral aufgestellt sind. Ich habe immer negative Erfahrungen gemacht mit grossen Teams und mit Zentralisierung, wie sie mehrere Konkurrenten jetzt aus Kostengründen umgesetzt haben.

Werden Sie weitere Leute einstellen?

Buberl: Ja, das ist ein Prozess, der voll im Gang ist. In einem nächsten Schritt geben wir den Generalagenten mehr Verantwortung und machen sie zu Unternehmern. Wir werden zusätzliche Agenturen schaffen und weitere Leute einstellen.

Anzeige

Parallel dazu läuft aber immer noch das grosse Kosteneffizienzprogramm im Konzern. Jetzt wollen Sie ausbauen und müssen aber zusätzlich Kosten senken. Wie geht das auf?

Buberl: Wir haben einen der tiefsten Kostensätze in der ganzen Versicherungsbranche. Trotz der Wachstumsstrategie suchen wir immer nach Möglichkeiten, effizienter zu werden. Wenn wir schrumpfen, werde ich Kosten reduzieren; wenn wir wachsen, werde ich investieren.

Sie suchen einen Drittpartner mit einem guten Vertriebsnetz. Führen Sie da konkrete Gespräche?

Buberl: Da sind wir daran, mehrere grössere Projekte aufzugleisen.

Was für ein Potenzial hat das Geschäft mit Drittpartnern in der Schweiz?

Buberl: Das hat ein sehr grosses Potenzial. Die Kunden wollen das One-Stop-Shopping und sie gehen dorthin, wo bereits eine Kundenbeziehung besteht. Wir als Versicherer müssen dort sein, wo die Kunden sind - also zum Beispiel im Detailhandel. Wir haben im Nichtleben-Geschäft den Vorteil, dass wir einfache Produkte kreieren können. Im Leben-Geschäft oder in der beruflichen Vorsorge ist dies schwieriger. Gerade in der beruflichen Vorsorge hängt der Erfolg auch stark von den regulatorischen Rahmenbedingungen ab ...

Anzeige

? wie zum Beispiel dem Umwandlungssatz. Was ist Ihre Prognose für die Abstimmung vom 7. März 2010?

Buberl: Viele Leute sind noch unentschlossen. Der Ausgang der Abstimmung ist noch absolut offen.

Umfragen zeigen genau das Gegenteil. Die Chancen sind gross, dass die Senkung des Umwandlungssatzes abgelehnt wird.

Buberl: Das wäre ein grosser Fehler. Aus einer gesellschaftspolitischen Verantwortung heraus müsste man einer Senkung zustimmen.

Das sehen die Gegner anders. Was würde ein Nein für die Versicherungsbranche bedeuten?

Buberl: Die Zurich hat ja die Entscheidung getroffen, das Kollektivleben-Geschäft in eine autonome Stiftung auszulagern, in die Vita-Stiftung. Und die Vita-Stiftung ist bei uns rückversichert. Das Risiko des Umwandlungssatzes trägt aber die Vita.

Also würde es Sie kaltlassen, wenn der Umwandlungssatz nicht gesenkt würde?

Anzeige

Buberl: Nein, das würde mich nicht kaltlassen. Als Vorstandsmitglied des Schweizerischen Versicherungsverbandes habe ich ein grosses Interesse, dass die Senkung des Umwandlungssatzes angenommen wird.