Sie wetten auf die Cyberwährung wie niemand anderes auf der Welt. 118'000 Bitcoins gehören ihnen oder 1 Prozent des neuen Geldes. Und sie sind keine Unbekannten: Tyler und Cameron Winklevoss sind die Zwillinge, die den ­Facebook-Gründer Mark Zuckerberg auf Schadensersatz verklagten, weil er ihre Idee geklaut haben soll.

Vom Höhenflug und Absturz der Cyber­währung Bitcoin lassen sich die Zwillinge aber nicht beirren. Derzeit ist ihr Investment umgerechnet 11 Millionen Dollar wert, vor wenigen Tagen waren es noch 28 Millionen Dollar. «Leute mögen es eine Blase oder ein Schneeballsystem nennen. Doch ist dies das Frühstadium. Eines ­Tages sind virtuelle Währungen ganz ­normal», sagt Cameron Winklevoss. Sein Bruder Tyler fügt hinzu: «Wir schenken unser Geld und unser Vertrauen einem mathematischen Regelwerk, welches nichts mit Politik und menschlichen Fehlern zu tun hat.»

Die Angst vor Inflation rückt Bitcoins ins Rampenlicht. Die virtuelle Währung könnte eine Alternative zu Gold sein, wenn genügend Leute an ihren Wert glauben. Fans des Cybergeldes vergessen allerdings, wie andere virtuelle Währungen in der Zeit des Dotcom-Booms emporgeschossen und wieder eingegangen sind. Anleger gingen leer aus.

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Um die Jahrtausendwende gab es bereits einen Hype um die digitalen Währungen Beenz und Flooz. Beide wollten Aktivitäten im Internet einen Wert geben. So verteilten Unternehmen Beenz oder Flooz als Coupons oder als Dank für eine Empfehlung. Flooz, die im Februar 1999 ins Netz gingen, fanden ihr Ende knapp eineinhalb Jahre später, als eine mafiöse russische Organisation sie zu Geldwäsche­zwecken einsetzte und das FBI einschritt. Flooz wurden über Nacht wertlos. Beenz überlebten nur eine Woche länger. Das ­US-Internetportal CNET kürte deren Ende 2008 gar zu einem der grössten Dotcom-Desaster in der digitalen Geschichte.

Beenz kursierten zu Hochzeiten in fünfzehn verschiedenen Ländern, darunter Deutschland, Italien und Frankreich, nicht aber in der Schweiz. Für das Unternehmen arbeiteten 265 Menschen. Bekannte Risiko­kapitalgeber wie François Pinault von der französischen Konsum­artikelgruppe PPR, Larry Ellison vom US-Computerunternehmen Oracle und der italienische Finanzier Carlo de Benedetti gaben Geld, doch nachdem Beenz 80 ­Millionen Dollar verbrannt hatte, war Schluss: Das Unternehmen ging pleite und gab Beenz-Nutzern zehn Tage Zeit, ihre Guthaben zu nutzen, danach verfielen sie wertlos.

Hype um Second Life

In der Cyberwelt wurden seither wei­tere Währungen kreiert – zum Beispiel die Linden-Dollars aus Second Life, die fanatische Spieler für echte Dollar einkaufen. 2007 wurden Vens kreiert – ein virtuelles Zahlungsmittel, dessen Wert auf einem Durchschnittskurs der gängigen Währungen basiert. Herausgeber ist die Website Hub Culture, welche den Wert der Vens ­zusätzlich an Kohlenstoffdioxid-Futures hängt und damit sowohl grün, stetig und dazu vir­tuell ist. «Die Nachfrage wächst schnell», sagt Hub-Culture-Gründer Stan Stain­aker.

Bitcoins dagegen hängen nicht von Wohl oder Wehe einer einzelnen Firma oder Internetplattform ab. Dank Open-Source-Software kann jeder an ihrer Entstehung mitarbeiten. Zurzeit wächst der Kreis der Bitcoin-Fans rasant. Die ersten Bankautomaten, die Dollar annehmen und als Bitcoins in virtuellen Konten speichern und umgekehrt, werden dieser Tage in Los Angeles und ­Zypern aufgestellt. Eine New Yorker Bar akzeptiert derweil Bitcoins als Zahlungs­mittel. Ein 15-Dollar-Martini soll 0,08 Bitcoins kosten, per App kann sofort bezahlt werden.

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Allerdings sind die wilden Wechselkursschwankungen für den kommerziellen Einsatz der Bitcoins sehr hinderlich. «Bitcoins fluktuieren im Wert so stark, dass sie eher einem hochvolatilen Rohstoff gleichen als einer Währung», schreibt der britische Blogger Felix Salmon. «Stellen Sie sich vor, wie es dem Tölpel ergehen würde, der vor einigen Monaten einen Kredit in Bitcoins aufgenommen hat – er könnte ihn zum heutigen Kurs niemals ­zurückzahlen», argumentiert er gegen die Digitalwährung.

Doch schon werden weitere virtuelle Währungen geschaffen: Ripple, Flattr und Freicoin heissen sie. Hinter den Heraus­geber der Ripples, das Unternehmen Open­coin, stellen sich sogar erneut Risiko­kapitalgeber – diesmal sind es so renommierte Firmen wie Andreessen & Horowitz. Noch sind die Währungshüter nicht besorgt. «In der aktuellen Situation tendieren die Konzepte mit virtuellem Geld selbst zu Instabilität, aber sie können die finan­zielle Stabilität nicht in Gefahr bringen. Denn sie haben nur wenig Kontakt zur wahren Wirtschaft, werden kaum gehandelt und finden nur geringe Akzeptanz bei Nutzern», urteilt die EZB in einer Studie über Linden-Dollar und Bitcoins. Die Gutachter raten jedoch, die Entwicklung weiter im Auge zu halten.

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«Untertreibung des Jahrhunderts»

«Bitcoins hochspekulativ zu nennen wäre die Untertreibung des Jahrhunderts», erklärt Steve Hanke, ein auf alternative Währungen spezialisierter Professor an der Johns Hopkins University. Die jüngste Volatilität der Cyberwährung gibt ihm recht. Während der Zypern-Krise raste der Kurs, der lange auf 2,5 Dollar notierte, auf 260 Dollar hoch, um dann um 60 Prozent zu stürzen. Gegenwärtig liegt der Wert bei 90 Dollar. Die Währung, die niemandem und allen gehört und von keiner Notenbank und keinem Finanzministe­rium weltweit verwaltetet wird, erfreut ­zunächst Programmierer, libertäre Denker – und Kriminelle.

Bitcoins sind so konzipiert, dass sie ganz besonders lukrativ sind für dieje­nigen, die früh mitmachen. Doch selbst ­Pioniere wie die Winklevoss-Zwillinge könnten mit ihrem Bitcoin-Investment am Ende dumm dastehen. Sie selbst sind die Ersten, die das zugeben.

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«Wir ­können total falschliegen», erklärt Tyler, «aber wir sind eben neugierig. Wir wollen abwarten, wie es langfristig weitergeht.»