Alles auf Zucker! Der Titel der Dani-Levy-Komödie von 2004 wäre für Investoren mit Blick auf ihre Anlagestrategie 2010 kein gutes Motto gewesen. Die Quartalsbilanz für den Agrarrohstoff jedenfalls fällt äusserst ernüchternd aus. Zwar verzeichnete das «weisse Gold» Anfang Februar bei 30 Cent je Pfund ein 29-Jahres-Hoch, danach aber ging es um fast 50% abwärts. Der Zuckerpreis verzeichnet mit einem Rückgang von 34% den höchsten Verlust über einen Dreimonatszeitraum seit dem Jahr 1985.

«Der deutliche Rückschlag geht auf die Markterwartung guter Ernteerträge zurück», sagt Peter Königbauer, Manager von Pioneer Funds Commodity Alpha. Der Zuckerpreis folgt damit den Gesetzen des Marktes: Steigt das Angebot, fallen die Preise. Doch auch auf der Nachfrageseite sind Ursachen für den rapiden Preisverfall auszumachen. So haben bedeutende Staaten wie Indien, Pakistan und Ägypten weniger importiert, als der Markt zunächst erwartete.

Rohstoffanlagen mit Tücken

Die Aussicht auf eine reiche Ernte in Brasilien und Indien hat den Zuckerpreis Anfang April erneut auf Talfahrt geschickt. In den USA fiel der Terminkontrakt auf Rohzucker um 6,8% auf ein Neun-Monats-Tief von 15,46 Cent je Pfund. Die in London gehandelten Futures auf raffinierten Zucker verbilligten sich um 7,4% auf 466.60 Dollar je t. Verkäufe spekulativer Anleger verstärkten den Kursabschwung, sagte Nick Hungate, Rohstoffexperte der Rabobank.

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Das Beispiel Zucker belegt eindrucksvoll, dass der immer wieder ausgerufene «Megatrend Rohstoffe» für Anleger durchaus seine Tücken hat. «Gerade bei Agrarrohstoffen ist das Wetter ein unkalkulierbarer Faktor - treten Anomalien auf, kann es innerhalb kürzester Zeit zu starken Preisschwankungen kommen», sagt Königbauer. Dieser Trend dürfte sich noch verstärken, da über den gesamten Agrarsektor gesehen die Lagerbestände eher niedriger geworden seien. «Angebotsschwankungen können damit nicht mehr so leicht ausgeglichen werden wie in früheren Jahren», erklärt Königbauer.

Die zunehmenden Preisschwankungen haben aber noch einen anderen Grund. Rohstoffe sind bei Investoren mangels rentierlicher Anlagealternativen wieder zum Spekulationsobjekt geworden. «Es tummelt sich viel mehr Kapital in diesem Markt, als er verkraften kann», sagt Manfred Wolter, Rohstoffanalyst bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Die Folge sind die beim Zucker zu beobachtenden erratischen Preisbewegungen. Hedge-Fonds und andere Spekulanten haben ihre Netto-Long-Positionen an der New Yorker Terminbörse, mit denen sie auf steigende Zuckerpreise wetten, in der Woche bis zum 23. März zwar um 9,3% reduziert, dennoch übersteigt die Zahl der Kontrakte, die auf steigende Preise setzen, diejenigen, die auf fallende Preise wetten, immer noch um 155463. Seit dem 2. Februar sind die Wetten auf steigende Zuckerpreise jedoch um 23% zurückgegangen.

Die wilde, reine Finanzspekulation bleibt nicht ohne Nebenwirkungen. Sie führt dazu, dass die Nutzung der weltweit verfügbaren Anbauflächen immer weniger dem tatsächlichen fundamentalen Bedarf entspricht. «Wenn der Zuckerpreis fällt, bauen tendenziell immer weniger Bauern diesen Rohstoff an, weil es sich für sie immer weniger lohnt», erklärt ein Beobachter.

Szenario für Zucker hat gedreht

Analyst Wolter sieht grundsätzlich ein Angebotsdefizit, woraus er die Basis für eine Bodenbildung ableitet. «Tiefer als 15 Cent sollte der Preis nicht fallen», meint Wolter. «Das Februar-Hoch war aber einfach eine völlige Überhitzung.» Andere Experten pflichten ihm bei. «Das Szenario für Zucker hat sich von bullish zu bearish gedreht», sagt etwa der Rohstoffhändler Marcelo Dorea, Teilhaber bei Round Earth Capital in New York. Nach seiner Einschätzung wird der Preis für Zucker bis Juli um weitere 16% auf 15 Cent fallen.

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Grundsätzlich aber wird sich angesichts wachsender Bevölkerungszahlen und stagnierender oder rückläufiger Anbauflächen die globale Nachfrage nach Nahrungsmitteln - und damit nach Agrarrohstoffen - tendenziell aufwärts bewegen. Das ist einer der Gründe, warum Investorenlegende Jim Rogers auf diesen Sektor setzt und in einem Musterportfolio ein Drittel des verfügbaren Anlagevolumens in die sogenannten Soft Commodities stecken würde.

Für Anleger ist es nicht einfach, in Agrarrohstoffe zu investieren. Zwar gibt es Produkte, die vorgeben, die Entwicklung des Basisinstruments eins zu eins widerzuspiegeln. Doch der Emittent dieser Papiere muss sich über den Terminmarkt absichern. Und Geschäfte auf dem Terminmarkt haben ihre Eigenheiten. So gibt es «Rollverluste», die entstehen, weil noch vor der Fälligkeit des jeweiligen Terminkontrakts in den nächstfolgenden Terminkontrakt gerollt werden muss, um die physische Andienung des Rohstoffs zu vermeiden. Darüber hinaus gilt es zusätzliche Transaktionskosten sowie die Währungsrisiken zu beachten.

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