Das Bild ist vertraut. Die «sicheren» Indexschwergewichte Novartis, Roche und Nestlé brachen in den letzten Wochen teilweise stärker ein als der SMI und waren für zwei Drittel des Tagesverlustes beim Blue-Chip-Index verantwortlich.

Bereits als der Schweizer Aktienmarkt Anfang August um 21 Prozent fiel, kamen diese drei Aktien unter Druck. Novartis brach um 22, Roche um 21 Prozent ein. Und auch Nestlé verlor 14 Prozent. Die Sicherheit der defensiven Aktien ist trügerisch – denn bereits 2008 erwiesen sich diese drei Aktien nach der Lehman-Pleite keinesfalls als solide Stütze für den Gesamtmarkt. In den ersten beiden Oktoberwochen fiel der SMI um 19 Prozent. Nestlé und Roche fielen um 18 Prozent, Novartis brach sogar um 22 Prozent ein.

Druck durch die ETF

Diese Entwicklung gibt den Marktbeobachtern Rätsel auf. «Ich habe keine bestimmte Erklärung, aber grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass wir in einem Bear-Market sind. Momentan herrscht Panik», sagt Panagiotis Spiliopoulos, Leiter des Aktienresearch bei der Bank Vontobel. «Ob defensiv oder nicht, spielt nicht so eine grosse Rolle.»

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In turbulenten Marktphasen finde die Absicherung von Portfolios häufig über den Index statt, sagt Sven Bucher, Leiter Research bei der Zürcher Kantonalbank. «Entsprechend kommen natürlich auch die Schwergewichte unter Druck. Zudem sind gerade die grossen Titel in der Schweiz auch die defensiven Werte.» Wenn ein Anleger Liquidität benötigt, hat er diese gerade in diesen Titeln zur Verfügung. Kleinere und vielfach zyklischere Werte sind laut Bucher hingegen weniger liquide.

«Für den Kursrückgang dürften tatsächlich in erster Linie Index- und Absicherungsprodukte wie ETF oder strukturierte Produkte verantwortlich gewesen sein», sagt auch Patrick Hasenböhler, Analyst bei der Bank Sarasin. «Andererseits waren auch fundamentale Gründe respektive Ängste vor einer globalen Rezession die Ursache.» Auch die drei Schweizer Schwergewichte, die als defensiv gelten, könnten sich konjunkturellen Schwankungen nicht ganz entziehen.

«Wir kürzen aufgrund dieser Entwicklungen unser Kursziel»

«Im Pharmasektor kommt im Vergleich zu früheren wirtschaftlichen Krisen hinzu, dass die Schuldenkrise in Europa und die geplanten Massnahmen zur Reduktion des US-Haushaltsdefizits direkte Auswirkungen auf die Branche haben», sagt Hasenböhler weiter. «Sowohl in Europa wie auch in den USA sind Einsparungen im Gesundheitssektor nötig, was Druck auf die Medikamentenpreise auslöst.» Eine weitere Ursache dürften Gewinnmitnahmen internationaler Investoren aufgrund des hohen Frankenkurses gewesen sein.

Im Falle des Anfang August gesehenen Ausverkaufs war zusätzlich auch die Frankenstärke ein wichtiges Thema für die «Grossen Drei» im Schweizer Markt. «Da diese Unternehmen zu 97 bis 98 Prozent ihres Umsatzes im Ausland generieren, ist eine Kursschwäche aus Franken-Perspektive durchaus auch fundamental vertretbar.» Solche fundamentalen Faktoren sind auf Unternehmensebene bei allen drei rasch zu finden.

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Nestlé beispielsweise kündigte im Sommer weitere Akquisitionen in Milliardenhöhe und die Ausschüttung höherer Dividenden – man schätzt hier eine Anhebung auf 2 Franken pro Aktie – an. Zukäufe im Umfang von 4,2 Milliarden Franken und die höheren Dividenden leeren die Firmenkasse und führen zu einem Anstieg der Nettoverschuldung auf 13 Milliarden Franken per Ende 2012. Was langfristig in einer Boomphase von Analysten begrüsst würde, stösst jetzt auf Skepsis. «Wir kürzen aufgrund dieser Entwicklungen unser Kursziel um 5 Franken auf 52 Franken», heisst es beispielsweise von den Analysten der Unicredito.

Nahrungsmittelsektor ist billig

«Defensive Sektoren schlagen den Gesamtmarkt in unsicheren Zeiten», sagt Citigroup-Analystin Sara Welford, «aber der Nahrungsmittelsektor ist weder nach absoluten noch nach relativen Massstäben billig.» Auch die Rohstoffpreise lassen sich nicht immer weitergeben. Die Kaffeepreise, die für etliche Nestlé-Produktelinien wichtig sind, sind im laufenden Jahr über 40 Prozent gestiegen. Getreide ist 70 Prozent teurer als noch Ende 2010. Hinzu kommt der Preisanstieg bei Verpackungsmaterialien. «Diese Preise können anders als beim letzten raschen Preisanstieg bei Rohstoffen nicht einfach weitergegeben werden, weil jetzt die Arbeitslosigkeit in westlichen Märkten teilweise deutlich höher liegt als noch 2008 und die Konsumenten nicht mehr bereit sind, die höheren Preise einfach zu akzeptieren», meint Welford.

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Wenige Alternativen

Unter den Blue Chips an der Schweizer Börse gibt es laut den Analysten einige, die sich jetzt besser gehalten hatten als die drei Indexschwergewichte. «Defensiv im Sinne von nichtzyklisch sind in der Regel grosskapitalisierte Werte, mit tiefer Marktsensitivität (low beta) und überdurchschnittlichen Dividendenrenditen», sagt Gattiker, «auf Sektorstufe zählen wir hauptsächlich Nahrungsmittel, Pharma, Telekom und Versorger dazu.»

Swisscom etwa verlor lediglich 8 Prozent – trotz einem nicht überzeugenden Semesterausweis und zahlreichen Abstufungen auf «verkaufen» und Kurszielkürzungen. Ebenfalls defensiven Charakter haben jetzt laut Hasenböhler Aktien wie Synthes nach dem Kauf durch Johnson & Johnson, weil diese teilweise mit den ebenfalls als defensiv geltenden eigenen Aktien von J&J bezahlt wird, der Aromen- und Riechstoffhersteller Givaudan, Immobilienaktien wie Swiss Prime Site, PSP Swiss Property, Mobimo sowie die kleineren, niedriger kapitalisierten Nahrungsmittelaktien wie Barry Callebaut, Bell, Emmi sowie Lindt & Sprüngli.

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