Die Berichtssaison zum dritten Quartal fiel bislang gemischt aus, sagt Michael Romer, Aktienanalyst bei J. Safra Sarasin. Rund 10 Prozent der grossen börsennotierten Unternehmen in den USA und in Europa haben bislang rapportiert – wobei die Umsätze im Schnitt knapp unter und die Gewinne leicht über den Erwartungen lagen. Letzteres aber mehrheitlich dank Kostensenkungsprogrammen, sagt der Experte. Im Interview erklärt Romer, was heute wichtig ist und wohin die Reise geht.

Wovon wurden Sie jüngst negativ überrascht?
Auf dem falschen Fuss wurden wir von Nestlé erwischt. Das Unternehmen hat die Jahresprognose im organischen Umsatzwachstum gesenkt. Erstaunt hat mich dabei, dass der Nahrungsmulti mehr als erwartet Mühe bekundet, seine historisch hohe Preissetzungsmacht durchzusetzen. Eine weitere negative Überraschung ist der Pharmasektor, in dem die Aktienkurse jüngst zurück glitten. Dies hat überrascht, da teilweise doch vielversprechende Neuigkeiten bekannt wurden, wie etwa bei Roche im Bereich der Behandlung von Multiple Sklerose. Auf die Sektorenstimmung drückt derzeit die Sorge um Produkt-Preisregulierungen ausgehend von den USA.

Wo sehen Sie Chancen?
Der Finanzsektor zeigt sich in diesem Jahr erstaunlich robust - trotz der Unwägbarkeiten um den ersten Zinsschritt in den USA und deutlich korrigierten Rohstoffmärkten. Entsprechend erachte ich Finanztitel und speziell die von uns favorisierten grosskapitalisierten Aktien als attraktiv. Unter ihnen die von uns zuletzt auf Buy angehobene Citigroup oder in der Schweiz UBS und Julius Bär, die sich auf das Vermögensverwaltungsgeschäft fokussieren. In der Titelselektion gilt es, angesichts potenziell höherer Kapitalanforderungen, auf bestens kapitalisierte Unternehmen zu setzen.

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Von welchem Investment sollten Anleger die Finger lassen?
Automobil- und Automobilzulieferer-Aktien sind nach wie vor ein heisses Eisen. Nicht nur wegen des von VW ausgelösten «Dieselgates», sondern auch wegen dem nach wie vor unsicheren Marktumfeld in China. Obschon die Absatzzahlen in dieser zentralen Absatzregion jüngst stabil ausfielen, ist unklar, inwieweit staatliche Massnahmen unterstützend wirken. Es besteht daher weiterhin Enttäuschungspotenzial. Besonders anspruchsvoll ist die Einschätzung für die Automobilzulieferer, die in der Wertschöpfungskette eine Abkühlung zeitlich erst verzögert zu spüren bekämen. Deshalb sehe ich Aktien wie etwa eine Georg Fischer noch nicht als Kaufgelegenheit.

Wann kommt die Zinswende in den USA und was bedeutet das für die Märkte?
Wir gehen in unserem Basisszenario nach wie vor davon aus, dass ein erster - wenn auch nur ein moderater - Zinsschritt in den USA im Dezember stattfinden wird. Allerdings hat die Wahrscheinlichkeit in den letzten Wochen wegen gemischt ausgefallener US-Arbeitsmarktdaten und der unsicheren Wirtschaftslage in China deutlich abgenommen. Ich beobachte, dass die Bondmärkte eine Verschiebung in den März 2016 langsam einzupreisen begonnen haben. Damit bleiben die von uns als fair bewerteten Aktienmärkte gegenüber den niedrigen Zinsen attraktiv. Dies wird gestützt durch eine robuste Wirtschaftserholung in Europa.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Die Volatilität wird bis Jahresende hoch bleiben. Zum einen zeigen die ersten Berichte zum dritten Quartal, dass die Markterwartungen tendenziell eher ambitioniert sind. Zum anderen besteht aus Schweizer Sicht nach wie vor Unsicherheit bezüglich eines nachgelagerten negativen Einflusses durch den starken Schweizerfranken auf Transaktionsebene.

Wo steht der SMI in 12 Monaten?
In der kurzen Frist sehe ich nach wie vor ein Erholungspotenzial im mittleren bis oberen einstelligen Prozentbereich bis Ende Jahr auf ein Niveau von rund 9‘400 Punkten und im tief zweistelligen Prozentbereich auf gegen 10‘000 Punkte über ein Jahr hinaus.

*Michael Romer ist seit August 2006 Aktienanalyst bei J. Safra Sarasin und seit März 2014 Leiter des Aktienresearch Private Banking.

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