Der Swiss Market Index (SMI) erreicht mit 8700 Punkten einen Stand, den er zuletzt Ende 2007 gesehen hatte. Der deutsche Aktienindex Dax knackt erstmals in seiner Geschichte überhaupt die Marke von 9900 Punkten – und läuft scheinbar unaufhaltsam den historischen 10'000 Punkten entgegen. Und auch der US-amerikanische S&P-500 schreibt mit historischen Höchstständen Schlagzeilen.

Die Experten-Kommentare werden zunehmend eintöniger: Die Luft wird dünner, so die wenig überraschende Analyse. Und Anleger fragen sich: Jetzt noch auf den fahrenden Zug aufspringen? Oder viel lieber die alte Börsenregel «Sell in May and go away» aus der Schublade holen? Keins von beiden – so die treffendste Antwort, wenn es um eine generelle Aktienempfehlung geht. Denn nach wie vor gibt es viele gute Gründe, die für einen Aktienkauf sprechen – aber auch dagegen.

Schweizer Aktien über dem historischen Durchschnitt

Der Schweizer Aktienmarkt hat punkto Bewertung auf Basis des Kurs/Gewinn-Verhältnisses (KGV) den historischen Durchschnitt längst überschritten. Anders die US-Märkte: Diese werden nach wie vor sehr oft als «fair bewertet» bezeichnet, was allerdings auch nur noch wenig Luft nach oben lässt. In konkreten Zahlen ausgedrückt: Die SMI-Titel notieren derzeit im Schnitt mit dem 19,5-fachen Gewinn (KGV) – als Gegenleistung für diese sportliche Bewertung lockt aber auch eine durchschnittliche Dividendenrendite von fast 3,1 Prozent.

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Und genau dies ist ein Argument, das für weiterhin steigende Aktienkurse spricht: Durch das Niedrigzinsumfeld fehlen schlicht die Alternativen. Dass die Politik des billigen Geldes vorerst weiter anhält, signalisierten zuletzt sowohl die US-Notenbank Fed als auch Europas Pendant, die EZB. Gerade Letztere steht kommende Woche bei ihrer nächsten Sitzung unter Druck: Das Inflationsziel ist nach wie vor nicht greifbar – eine weitere Zinssenkung sowie die Einführung eines Strafzinses auf Einlagen von Banken scheinen fast schon beschlossene Sache.

Euro-Stärke bremst wirtschaftliche Erholung

Dieses Handeln wird deshalb nötig, weil EZB-Präsident Mario Draghi die wiedergewonnene Stärke des Euro an den Devisenmärkten brechen muss. Denn die Eurozone ist wirtschaftlich – allen ermutigenden Signalen zum Trotz – noch nicht vollständig über den Berg. Dass gerade die in einigen Euro-Ländern bestehenden strukturellen Defizite sowie der nach wie vor anhaltende Ukraine-Konflikt von den Investoren weitestgehend ausgeblendet werden, gilt denn auch als eine der grössten Gefahren, die einen Rücksetzer an den Märkten auslösen könnten.

Dass es bei diesem Szenario einen Crash geben wird, glaubt – mit Ausnahme von Dauerpessimist Marc Faber – kaum einer. Es sei gut möglich, dass die Märkte innert weniger Tage gegen zehn Prozent an Wert verlieren, gab Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff kürzlich zu Protokoll. Und Julius-Bär-Chefstratege Christian Gattiker bezeichnete eine vorübergehende Kurskorrektur als «gar nicht ungesund» und als «nach einem sportlichen Anstieg in den vergangenen zwölf Monate ganz natürlich». Allen Prognosen ist eins gemein: Das geldpolitisch günstige Umfeld, sprich: das viele Geld, das investiert sein will, wird bei einem allfälligen Rücksetzer als eine Art Fangnetz dienen.

Die Psychologie der Kursziele

Gerade die eingangs erwähten Indexdiskussionen sind von der sogenannten Charttechnik getrieben. So reden auch die technischen Analysten der Royal Bank of Scotland (RBS) in ihrem heutigen Marktkommentar beispielsweise mit Blick auf den Dax bei 10'000 Punkten von einer «psychologisch bedeutsamen Marke» – gestehen im gleichen Atemzug aber ein: «Was dann passiert, ist aktuell schwer vorherzusagen.» Ein Überschreiten könnte laut RBS für neue Impulse sorgen, «denn charttechnisch wäre der Weg nach oben erst einmal frei.»

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Weitere Unterstützung erhalten die RBS-Analysten von der Zürcher Kantonalbank (ZKB): Sie sieht in den Momentum-Indikatoren des europäischen Aktienmarktes – basierend auf dem Stoxx-600-Index – weiterhin «Aufwärtsdruck und noch keine überkaufte Situation».

Die Indexstände bilden in aller Regel ohnehin «nur» das stimmungmässige Leitgerüst für Anlageentscheide, potenzielle Aktienkäufer fokussieren sich in aller Regel auf Einzeltitel. Dass dabei – nebst einer überzeugenden Unternehmensleistung – auch der Blick auf die Bewertungskennzahlen hilfreich ist, zeigt folgendes Beispiel: Während die vergleichsweise unspektakuläre Nestlé-Aktie derzeit mit einem eigentlich alarmierenden PEG-Ratio (Verhältnis zwischen KGV und Gewinnwachstum) von knapp 3,5 notiert, steht die in der generellen Wahrnehmung der Investoren abgehobene Apple-Aktie bei einem moderaten Faktor von 1,1. 

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Krux der Statistik im dünnen Sommerhandel

Viele Kleinanleger, so ist aus Händlerkreisen zu hören, seien nach wie vor nicht investiert. Aufdrängen tut sich für sie zum jetzigen Zeitpunkt ein Einstieg allein schon deshalb aber nicht, weil die Volumen auf die Sommermonate hin zunehmend dünner, entsprechend schwankungsanfälliger und damit unberechenbarer werden. Das ist mit ein Grund, weshalb sich die Börsenregel «Sell in May and go away… but remember to come back in September» derart lange halten kann: Es ist statistisch nachgewiesen, dass zwischen Juni und September – wenn viele institutionelle Anleger wie Fondsmanager in den Ferien weilen – die Performance des S&P-500 über die vergangenen 65 Jahre im Schnitt leicht schwächer ausfiel als über die restlichen Monate.

Den genauen Ein- und Ausstiegspunkt zu erwischen, bleibt aber schwierig – kommt hinzu, dass nicht wenige Jahren dieser historischen Betrachtung auch mit einer Sommerrallye aufwarten konnten. So bleibt für Privatinvestoren der Ratschlag: Nur bei Unternehmen, deren Geschäftsentwicklung überzeugt, selektiv zugreifen und den Zeithorizont für die Anlage auf keinen Fall zu kurz wählen – auch mit Blick auf die grösstenteils attraktiven Dividendenrenditen. Alternativen fehlen derzeit.

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