Welche Einflüsse der Vorwoche prägen die Börse weiterhin?
Michael Romer*: Man traut es kaum auszusprechen, aber die griechische Saga scheint den Höhepunkt vorerst erreicht zu haben. Für die Börsen spielt es dabei offenbar keine Rolle, welche Spar- und Reformauflagen Griechenland auferlegt bekommt. Ist der Unsicherheitsfaktor vom Tisch, erhalten die Aktienmärkte Aufwind, gibt es Zweifel, geht es wieder abwärts. Nebst der griechischen Saga fast unbemerkt blieb der Aspekt, dass sich die wirtschaftlichen Indikatoren in den USA verbessert haben und es in der zweiten Jahreshälfte zu einer Wachstumsbeschleunigung kommen könnte. Dies wiederum würde vermutlich im Spätsommer die erste Zinserhöhung seit 2006 auslösen und konjunktursensitive Sektoren wie Banken und Versorger sowie dividendenstarke Aktien treffen.

Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Es scheint, als ob die Märkte beidseits des Atlantiks die Handbremse lösen könnten. Aber Vorsicht: Wir erwarten keine Grünwelle auf der Anleger-Strasse. Für US-Unternehmen stellt der starke Dollar auch in der zweiten Jahreshälfte eine grosse Herausforderung dar, genauso wie der starke Franken für manche exportorientierte Schweizer Gesellschaften. Europäische Unternehmen beziehungsweise Aktien bleiben erste Wahl.

Welche Schweizer Unternehmen oder Branchen stehen in nächster Zeit besonders im Fokus?
Unternehmen, die einen ausgewogenen Absatzmix in Europa und Nordamerika besitzen, sollten nicht schlecht dastehen. Zu denen zählen die Pharma-Schwergewichte Novartis und Roche. Aber auch das Momentum bei den Banken dürfte anhalten.

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Ihr Ratschlag für Anleger – wo bieten sich Chancen?
Insgesamt gehen wir davon aus, dass wir eine solide Quartalsberichtssaison erleben werden. Dennoch wird es zu Enttäuschungen kommen, besonders wenn der Ausblick verhalten bleibt. Wir raten, genau auf Aussagen der Unternehmen bezüglich Investitionsabsichten zu hören. Obschon diese aufgrund des günstigen Fremdkapitals einfacher zu realisieren sind, bleiben sie ein Indikator für die Geschäftsaussichten.

Wo sehen Sie Risiken?
Die Berg- und Talfahrt am chinesischen Aktienmarkt wird Gespräch bleiben. Deren Einfluss auf die Realwirtschaft ist schwer abzuschätzen. Was hat es zum Beispiel zu bedeuten, wenn der Absatz für Privatfahrzeuge das erste Mal seit langem rückläufig ist? Wie steht es um den chinesischen Immobilienmarkt? Obschon ein Vergleich mit Griechenland nicht opportun ist, müssen Anleger konstatieren, dass der Einfluss einer stotternden Wirtschaft in China global wohl eine gewichtigere Rolle spielt, als ein Grexit es hätte sein können. Wir sind deshalb vorsichtig, was das Wachstum in Schwellenländern betrifft. Aktien von Unternehmen mit hoher Ausrichtung auf die sogenannten Bric-Länder dürften in der zweiten Jahreshälfte vor einer Belastungsprobe stehen. Auch Schweizer Titel wie ABB, Nestlé oder Bucher haben in den Bric-Ländern Geschäftsaktivitäten.

Wie schätzen Sie die Entwicklung an der Schweizer Börse über die nächsten 12 Monate ein?
In unserer Anlagestrategie für den SMI gehen wir per Ende Jahr von einem Stand von 9400 Punkten aus. Es besteht somit kein Raum für eine nennenswerte Aufwärtsbewegung. Da das Niveau bereits erreicht ist, halten wir an unserer Einschätzung, den Schweizer Markt unterzugewichten – speziell gegenüber Europa –, fest.

*Michael Romer ist seit August 2006 Aktienanalyst bei J. Safra Sarasin und seit März 2014 Leiter des Aktienresearch Private Banking.