Nach dem Dow Jones hat nun auch der Dax ein Allzeithoch erreicht. Wie erklären Sie sich diese Euphorie an den Aktienmärkten?
Christian Gattiker: Euphorie? Es handelt sich eher um eine optische Täuschung. Klar haben die Märkte nominelle Höchststände erklommen; aber da waren wir schon mal nahe dran, vor über zwölf Jahren nämlich. Seither ist einiges an Teuerung und Wertzerfall der Papierwährungen ins Land gezogen. In Schweizer Franken gemessen notieren zum Beispiel beide, Dow Jones und Dax, immer noch 25 Prozent unter ihren Allzeithöchstständen – die hiesigen 10 Prozent Kaufkraftverlust noch nicht einberechnet. Das deckt sich auch mit der Tatsache, dass wir keine «irrationalen Überschwang» an den Märkten feststellen – viele institutionelle wie auch private Anleger sind immer noch nicht in die Aktien zurückgekehrt.

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Die tiefen Inflationsraten geben den Notenbanken recht, die den Markt nach wie vor mit Liquidität fluten: Wann sehen wir eine Kehrtwende?
Die flapsige Antwort: Immer wenn was schief läuft. Aber abgesehen von äusseren und schwer fassbaren Schocks wäre eine Rückkehr zur Normalität von vor der Krise wohl mit grösseren Abgaben verbunden – eine durch Inflationsdruck und Wachstum getriebene Normalisierung der Geldpolitik.

Wann?
In Europa wohl kaum vor Ende nächsten Jahres, in den USA könnten sich die Vorboten dazu schon deutlich früher, vielleicht schon zum Jahresende 2013 einstellen. Dann würden die Leute wieder die Köpfe schütteln, und sich fragen, warum Aktien nachgeben, wenn doch alles besser wird.

Beim SMI liegt die Messlatte mit über 9000 Punkten aus dem Jahr 2007 ungleich höher: Wann werden wir diesen Wert wieder sehen?
Zieht man die rosa Brille der Währungseffekte aus, muss sich der Schweizer Markt nicht verstecken, im Gegenteil. Hier sind nur 15 Prozent bis ganz oben, und beziehen wir die Dividenden ein, wie es im Dax übrigens geschieht, dann haben wir das Höchst bereits jetzt erreicht.

Was raten Sie Anlegern: Jetzt noch auf den fahrenden Zug aufspringen?
Ja, wobei Springen selten eine gute Strategie ist. Wer derzeit nicht dabei ist, steckt in der psychologischen Falle: Reue, auf dem Höchst gekauft zu haben – oder warten und noch höhere Höchststande sehen? Ein Ausweg ist ein gestaffeltes Engagement, das ist der nervenschonende Ansatz. Mit einem überschaubaren Teil des Vermögens – den man auch über die nächsten 1 bis 2 Jahre nicht antasten muss – auf Monatsbasis einsteigen, das bringt Disziplin und weniger Kopfschmerzen.

Wo – respektive in was?
Schweizer Aktien mit globaler Ausstrahlung und alles, was vom Schwellenländerkonsumenten beflügelt wird.

Bei welchen Aktien oder Märkten lohnt es sich, die Hintertür zu suchen – sprich: Gewinn zu realisieren?
Die Schwellenländer- und Rohstoffaktien haben ihren Zenit langfristig überschritten. Der Boom der letzten fünfzehn Jahre ist in dieser Anlageklasse wohl vorbei. Das heisst aber nicht, dass diese Volkswirtschaften nicht mehr wachsen, sondern nur, dass nicht unbedingt die dortigen Aktienmärkte davon profitieren. Der steigende Konsum dort wird wohl andere Anlagen – Konsumgüteraktien in der alten Welt und die Währungen – beflügeln.

Alternativen für allfällig realisierte Gewinne: Gold wäre günstig zu haben – einverstanden?
Der Preis ist tiefer, aber ist es billig?

Sie wissen bestimmt die Antwort.
Gold haben wir in den letzten Jahren immer als Versicherungspolice – wenn auch eine zunehmend teure – behandelt. Auch im Gold scheint der langfristige Boom ein Ende gefunden zu haben. Von jetzt an ist es eher in den Händen des «heissen Geldes», das heisst kurzfristig orientierten Anlegern. Wer so tickt, kann sich gerne am Goldmarkt versuchen.