Zwei Themen beherrschen die Finanzwelt – und so ein bisschen mulmig dürfte dabei wohl jedem Anleger werden. Da ist zum einen der «Chart of Doom», der in sozialen Netzwerken Runde macht und erschreckende Parallelen zwischen der heutigen Entwicklung des Dow Jones Index mit derjenigen des Crashjahres 1929 aufzeigt. Und da ist zum andern US-Starinvestor George Soros, dessen Fondsgesellschaft in den an die US-Börsenaufsicht SEC eingereichten Unterlagen publik machte, dass er Milliarden auf einen sinkenden S&P-500-Index setzt.

Unbegründete Panikmache oder berechtigte Sorge? Wohl von beidem ein bisschen, muss die korrekte Antwort lauten. Der US-Aktienmarkt hat 2013 als fünftes Jahr in Folge mit einem Plus abgeschlossen – ja, der angesprochene S&P-500-Index blickt sogar auf die beste Performance seit 1997 zurück.

Sorgen nach Verkaufswelle zu Beginn des Jahres

«Die Zweifel an der Fortdauer des Bullenmarktes haben mit der Verkaufswelle zu Beginn dieses Jahres zugenommen», erklärt Kurt Feuermann, Anlagechef für US-Aktien bei der Investmentgesellschaft Alliance Bernstein. Trotzdem kommt auch er zum Schluss: «Aktuell besteht kein Grund, sich Sorgen um das Durchhaltevermögen des US-Aktienmarkts zu machen.»

Damit ist Feuerman keineswegs alleine, wie Eddy Elfenbein, Betreiber des Finanzblogs «Crossing Wall Street», konstatiert:

— Eddy Elfenbein (@EddyElfenbein) 18. Februar 2014

Das Thema, weshalb ein Sell-Rating nicht gerne gesehen ist, beschäftigt die Finanzwelt bereits seit Jahrzehnten. Der ehemalige Merrill-Lynch-Starbanker und heutige «Business Insider»-CEO Henry Blodget, der 2002 über Insidermails gestolpert und zu einer Busse von vier Millionen Dollar verknurrt worden war, zählte die Gründe, die gegen eine Verkaufsempfehlung sprechen, bereits 2004 auf den Punkt.

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Weil Analysten nicht alle Aktien abdecken können, suchen sie sich qualitativ hochwertige Rosinen raus, bei denen das Absturzpotenzial im Vornherein kleiner ist. Kommt hinzu, dass der Herdentrieb («alles ist gut») in einem Bullenmarkt viel ausgeprägter ist – und, dass sich daraus abgeleitet niemand mit einer zum Mainstream queren Meinung gerne die Finger verbrennt. 

Management: keine Freude an Verkaufsempfehlungen

Ebenfalls ein offenes Geheimnis ist, dass sich Analysten durch Verkaufsempfehlungen in der Teppichetage der beleuchteten Firmen wenig Freunde machen. Eine solche negative Meinung könnte nämlich dazu führen, dass der Informationsfluss zwischen Management und Research-Abteilung abebbt und somit eine wichtige Basis für die Aktienanalyse fehlt. Und zuguterletzt tragen auch die Anleger selbst eine Mitschuld an der «rosa Brille» der Analysten: Sie wollen investieren – und folglich primär nach Kauf-, nicht Verkaufsempfehlungen hören respektive lesen.

Trotz diesem Mangel an Objektivität, gibt es durchaus auch gute Gründe, weshalb der Aktiencrash tatsächlich nicht vor der Tür steht: Das Bewertungsniveau hat trotz teils atemberaubender Kursrallye zumindest im noch keine schwindelerregende Höhe erreicht – und das Renditeniveau liegt nach wie vor über demjenigen der festverzinslichen Anlagen. Sprich: Alternativen zu Aktien fehlen weitestgehend.

Konjunkturbelebung nur als entscheidender Faktor

Schwung verlieren könnte der Aktienmarkt, sobald der Inflationsdruck zunimmt und die Zinsen schneller als erwartet steigen. Diese Signale sind derzeit aber nicht auszumachen. «Eine Konjunkturbelebung ist für eine positive Entwicklung am Aktienmarkt nicht zwingend notwendig», sagt Feuerman – umgekehrt könne diese aber weiter Auftrieb verleihen. 

Auch die im Januar die Schlagzeilen dominierende Schwellenländerkrise scheint – zumindest im Umfeld des US-Marktes – dieser Tage bereits wieder Schnee von gestern.

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