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Erholung
Börsenhausse: «Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt»

Die Schweizer Börse ist trotz Frankenstärke im Höhenflug. Bantleon-Chefökonom Harald Preissler spricht über die heutige Rolle der Notenbanken und die Gründe für seinen positiven Ausblick.

Von Mathias Ohanian
am 20.03.2015

Herr Preissler*, der SMI hat innert wenigen Wochen seine schweren Verluste von Mitte Januar aufgeholt, der deutsche Dax erreichte in der vergangenen Woche erstmals 12'000 Punkte. Wohin geht der Höhenflug an den Börsen noch?   
In kräftigen Aufschwungsphasen können Aktienmärkte schon mal um 30, 50 oder auch 70 Prozent zulegen. Zuwächse um rund 30 Prozent haben wir nun in Deutschland und an anderen europäischen Börsen gesehen. Da die konjunkturelle Erholung gerade erst richtig in Gang kommt, ist noch mehr drin. Der Dax kann in den kommenden Monaten durchaus auf 15'000 Punkte oder mehr steigen.

Die Schweizer Wirtschaft kämpft mit der Frankenstärke. Die Börse aber hat das alte Niveau schon wieder erreicht, als ob es keine Probleme gebe. Geht das noch mit rechten Dingen zu?  
Die Währung ist am Ende eben nur einer von vielen Faktoren. Die Schweiz profitiert von der stabilen Entwicklung der Weltwirtschaft, vor allem aber von der deutlichen Erholung in Europa – das spiegelt sich im SMI-Verlauf: 10'000 Punkte sind in diesem Jahr zweifellos möglich. Für eine anhaltende Erholung spricht auch, dass der SMI normalerweise mit einem starken Dollar ansteigt. Und deutliche Wertzuwächse beim Greenback sehen wir heute. 

Heisst das, es wird auch für die Schweizer Wirtschaft nicht so schlimm wie nach dem 15. Januar befürchtet?   
Das erste Halbjahr dürfte schwach ausfallen. Doch ich rechne damit, dass die Frühindikatoren schon in den nächsten Monaten eine Erholung andeuten werden. Dann könnte die Schweizer Wirtschaft im zweiten Halbjahr wieder deutlicher wachsen. Mittelfristig glaube ich allerdings, dass jährliche Zuwächse um zwei Prozent schwerer erreichbar sein werden als in der Vergangenheit. Ich sehe das Potenzial für die Schweizer Wirtschaft eher bei 1.5 Prozent.   

Sie argumentieren mit der wirtschaftlichen Erholung. Die meisten Beobachter aber schreiben der Europäischen Zentralbank (EZB) die Hauptverantwortung für den Höhenflug zu: Ohne das Anleihekaufprogramm gäbe es die Aktienhausse nicht.
Notenbanken manipulieren nicht die Richtung, in die sich die Börsen bewegen. Vielmehr verstärken sie den Aufwärtstrend. Der Aufschwung an den Märkten wird von der Zentralbankliquidität drastisch überzeichnet. Im Zuge des Anleihekaufprogramms der japanischen Notenbank hat der Nikkei 2012 und 2013 während sechs Monaten rund 85 Prozent zugelegt – ohne dass er auch nur ein einziges Mal einen grösseren Rücksetzer um mehr als 5 Prozent gemacht hätte. Der Fantasie nach oben sind also keine Grenzen gesetzt.  

Das EZB-Programm läuft voraussichtlich nur bis September 2016.   
Das ist keineswegs ausgemacht. Laut Präsident Mario Draghi kauft die EZB so lange Anleihen, bis die Inflation in der Euro-Zone nachhaltig steigt. Ich befürchte, dass das Programm  noch mindestens bis 2017 läuft, womöglich sogar bis 2018.  

Was spricht für die von Ihnen angedeutete konjunkturelle Erholung in Europa?   
Es gibt mehrere Faktoren, der gesunkene Ölpreis etwa. Daneben ernten die europäischen Krisenländer wie Spanien oder Portugal allmählich die Erfolge ihrer Reformen. Von fiskalischer Seite hat Europa das Schlimmste überstanden, nach jahrelanger Zurückhaltung erholt sich der private Konsum. Die Banken finanzieren wieder bereitwilliger Investitionen, auch das schiebt die Wirtschaftsleistung an. Daneben stützt der günstige Euro die Exportwirtschaft. Und die Gemeinschaftswährung hat nicht nur wegen der EZB an Wert verloren Alles in allem deuten unsere Frühindikatoren auf eine kräftige Erholung in Europa.   

Wenn die Geldpolitik die Entwicklung der Börsen überzeichnet, wie Sie sagen, droht mit der erwarteten Zinsanhebung in den USA dann nicht ein Rückschlag an den Aktienmärkten?   
Der Aufschwung in den USA ist robust und dürfte anhalten. Die Arbeitslosigkeit sinkt. Zum ersten Mal seit vielen Jahren sehen wir eine Erholung, die nicht auf eine Rezession folgt, sondern auf einem robusten Fundament aufbaut. Wenn die US-Notenbank Fed die Zinsen nicht ruckartig oder unerwartet früh anhebt, gibt es keinen Rücksetzer. Und wie die Ausführungen der Notenbankpräsidentin Yellen am Mittwoch zeigten, hat es die Fed mit der geldpolitischen Wende nicht eilig. Selbst wenn die Zinsen bereits im Juni angehoben werden, dürfte anschliessend ein ziemlich flacher Straffungspfad folgen. Das ist gut für die Realwirtschaft und beruhigend für die Finanzmärkte.


* Harald Preissler ist Chefökonom des Zuger Anleiheinvestors Bantleon, einem Spezialisten für sicherheitsorientierte Kapitalanlagen. Europäische Aktien stehen bei Bantleon heute dennoch hoch im Kurs.

 

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