Die Ratingagentur Standard & Poor’s 
stellt den Rettungsplan für Griechen
land infrage. Was haben Anleger zu befürchten?

Bruno Gisler:
Mit der Einigung auf das Sparpaket wurde Griechenland kurzfristig vor der Zahlungsunfähigkeit bewahrt. In Bezug auf die Modalitäten für das zweite griechische Hilfspaket gehen wir davon aus, dass sich die Europäische Union in den nächsten Wochen mit den Ratingagenturen einigen wird. Damit sind die Probleme in Europa aber noch längst nicht gelöst.

Was bedeutet dies für den Franken? 


Wir raten in der jetzigen Situation nicht mehr, die europäische Gemeinschaftswährung gegenüber dem Schweizer Franken abzusichern. Das Ende der Frankenstärke ist absehbar.

Warum?

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass sich der Franken gegenüber den wichtigsten Handelswährungen immer aufgewertet hat, wenn das Vertrauen in die Schweiz und das Misstrauen gegenüber den anderen Staaten sehr hoch war.

Das ändert sich jetzt?

Ja, die Vorteile der Schweiz sind unter Beschuss. So ist etwa die politische Eigenständigkeit in den letzten Jahren zunehmend unter Druck geraten.

Inwiefern?

Denken Sie etwa an die Angriffe auf den Finanzplatz Schweiz oder die Steuerverhandlungen. Die politische Stabilität wird durch die zunehmende Polarisierung zwischen Links und Rechts bedroht. Zudem werden die Aussenhandelsüberschüsse durch die rasante Aufwertung des Frankens untergraben. Es wäre naiv anzunehmen, dass die Währungssituation spurlos an der Schweizer Wirtschaft vorübergehen wird.

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Wie stark wird die Schweizer Wirtschaft unter der Frankenstärke leiden?

Der starke Franken wird in der zweiten Jahreshälfte seine Spuren hinterlassen. Dennoch dürfte die Wirtschaft 2011 noch rund 2 Prozent wachsen.

Die Investoren sorgen sich auch um das Wachstum in den USA und Europa.

Die Anleger stellen sich die Frage, ob die Wirtschaftsschwäche nur vorübergehend ist oder länger andauert. Klarheit werden wir erst in ein paar Monaten haben. Wir sind der Meinung, dass es sich um eine temporäre Wachstumsabschwächung handelt und dass die Weltwirtschaft bereits im 3. Quartal wieder stärker zulegt.

Folgen dann die Zinserhöhungen?

Die Europäische Zentralbank wird auf absehbare Zeit die einzige wichtige Notenbank bleiben, welche die Zinsschraube anzieht. Dies birgt die Gefahr, dass billiges Kapital fehlgeleitet wird und neue Blasen entstehen. Im Hinblick auf die Inflation sehen wir die lockere Geldpolitik der Zentralbanken dagegen als weniger problematisch an.

Wird die Inflationsgefahr überschätzt?

Im Gegensatz zu den meisten Experten schätzen wir die Gefahr nicht so hoch ein. Der Hauptgrund dafür ist, dass die Inflation international vor allem durch höhere Energie- und Nahrungsmittelpreise getrieben wird. Die Rohstoffpreise werden bald wieder sinken, wenn Missernten ausbleiben und sich die Anleger an die geopolitischen Spannungen gewöhnt haben.

Wie wirken sich alle diese Tendenzen auf die Aktienmärkte aus?

Der Schweizer Aktienmarkt hat in den letzten Monaten unter der Frankenstärke gelitten und hat deshalb mehr Aufholpotenzial als andere Märkte. Deshalb erwarten wir, dass sich der Swiss Market Index von seinen Tiefständen erholen und Ende Jahr höher schliessen wird als im Vorjahr.

Welche Anlagen empfehlen Sie?

Angesichts fehlender Alternativen sind Aktien noch immer die beste Anlagemöglichkeit. Wir empfehlen Syngenta, Zürich, ABB, Richemont und Sika.

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* Bruno Gisler, Chefökonom Aquila Group