Die Europäische Zentralbank (EZB) könnte einem Pressebericht zufolge eine noch grössere Geldschwemme starten, als bislang erwartet wird. Das «Handelsblatt» berichtete am Montag mit Bezug auf Finanzkreise über einen Umfang von bis zu 700 Milliarden Euro. Am Markt wird derzeit ein Volumen von etwa 500 Milliarden Euro vermutet. Auch könnte das Programm zügig starten: «Innerhalb von 14 Tagen», berichtet das Blatt.

Viele Marktbeobachter gehen zurzeit davon aus, dass die EZB auf ihrer Zinssitzung an diesem Donnerstag breite Käufe von Staatsanleihen zwar grundsätzlich ankündigen wird. Ob jedoch bereits Details genannt werden und ob die Käufe schnell starten, gilt als weniger wahrscheinlich.Als ein Grund werden die wenige Tage später stattfindenden Wahlen in Griechenland und die entsprechend hohe politische Unsicherheit genannt.

Deutsche Anleihen im Fokus

Über die endgültige Gestalt des Kaufprogramms sei noch nicht entschieden worden, berichtet das «Handelsblatt» mit Bezug auf Notenbankkreise weiter. Vom Tisch sei aber die Möglichkeit, dass sich die Käufe an dem ausstehenden Volumen der jeweiligen Landesanleihen orientiere. Davon hätten vor allem Länder mit hoher Staatsverschuldung wie Italien profitiert. Vielmehr sollen sich die Käufe nach dem Anteil der Euroländer am Kapital der EZB richten. Das spräche dafür, dass die EZB vor allem deutsche Bundesanleihen kaufen würde, gefolgt von französischen und italienischen Papieren.

Die EZB will mit den Staatsanleihekäufen vor allem einen weiteren Rückgang der Inflationsraten in der Eurozone verhindern und das mickrige Wirtschaftswachstum beleben. Mit dem Programm nach dem Vorbild der USA - im Fachjargon «quantitative Lockerung» genannt – soll etwa die Banken dazu bewegen, wieder in riskantere Anlageprodukte zu investieren und beispielsweise mehr Kredite zu vergeben.

«Unsere Möglichkeiten sind begrenzt»

Nach Aussagen von Ratsmitglied Ewald Nowotny hat die EZB jedoch keinen grossen Handlungsspielraum für einen Kampf gegen einen Preisverfall auf breiter Front. «Unsere Möglichkeiten sind begrenzt», sagte Nowotny in einem Interview mit der «Tiroler Tageszeitung» auf die Frage, ob das Arsenal der EZB erschöpft sei.

Trotz der niedrigen Inflationsraten sehe er aber keine Gefahr für ein solches Deflations-Szenario aus fallenden Preisen, schwachem Konsum und schrumpfenden Investitionen. «Wir hatten im Dezember und werden vielleicht auch noch in den ersten Monaten dieses Jahres negative Inflationsraten haben», sagte Nowotny. Er glaube aber nicht, dass insgesamt für das Jahr 2015 von einer Deflation auszugehen sei. «Doch der Sicherheitsabstand ist geringer geworden.»

Hollande sieht Kaufprogramm kommen

Der französische Staatspräsident François Hollande zeigt sich derweil überzeugt davon, dass die EZB diesen Donnerstag den Kauf von Staatsanleihen beschliessen wird. Dies werde der europäischen Wirtschaft einen wichtigen Geldzufluss verschaffen und könne einen Wachstumsschub begünstigen, sagte Hollande in Paris beim Neujahrsempfang für die französischen Arbeitgeber.

Hollande listete in seiner Rede Faktoren auf, die nach seiner Einschätzung der europäischen Wirtschaft helfen und Frankreichs offizielle Wachstumsprognose von einem Prozent in diesem Jahr unterstützen könnten. Zu den positiven Faktoren zählte Hollande zudem den gefallenen Ölpreis und den Euro-Dollar-Wechselkurs.

Deutschland warnt vor Geldschwemme

Nicht angetan von den geplanten Anleihenkäufen ist die deutsche Wirtschaft. Sie warnt die EZB angesichts der geplanten Geldschwemme vor einem Währungskrieg. «Die Märkte haben schon reagiert - der niedrige Euro-Wechselkurs ist auch eine Folge des signalisierten Staatsanleihenkaufs», sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Martin Wansleben, der Nachrichtenagentur Reuters.

Das erleichtere zwar Exporte. «Aber der niedrige Wechselkurs hat auch seinen Preis.» Andere Länder könnten darauf reagieren. «Wenn die USA jetzt zum Beispiel ihre Zinserhöhung verschieben, um gegenüber Europa nicht an Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren, droht uns eine Spirale des lockeren Geldes, bei der am Ende alle verlieren», warnte Wansleben.

Anleihekäufe sind eine «schlechte Idee»

Auch die Familienunternehmer sprechen von einer «schlechten Idee», Staatsanleihen zu kaufen. «Die EZB fühlt sich eigenmächtig zur Bekämpfung der Rezession in Europa berufen», sagte Verbandspräsident Lutz Goebel. «Dazu hat sie aber kein Mandat und überschätzt ihre Möglichkeiten auf Kosten der europäischen Steuerzahler.» Die Gefahr sei gross, dass vor allem die Euro-Länder wieder stärker auf neue Schulden setzten, die erst auf halbem Wege bei ihren Reformbemühungen seien.

(sda/awp/reuters/dbe/ama)

 

 

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