Der Ölpreis hat jüngst deutlich an Wert gewonnen. Steht uns die Rückkehr höherer Energiepreise bevor?
Jay Nogueira*: Davon gehen wir nicht aus – im Gegenteil: Für die kommenden fünf bis zehn Jahre rechnen wir damit, dass Öl noch weniger kosten wird. Zwar steigt die Nachfrage jedes Jahr leicht an. Enorm wichtig ist aber die Angebotsseite. Vor allem der Frackingboom in den USA drückt auf die Preise und die Reaktion von Saudi-Arabien, dem einflussreichsten Mitglied in der Organisation erdölexportierender Länder (Opec), ist eindeutig: Das Land erhöhte zuletzt noch die Produktion. Saudi-Arabien will andere Ölförderer abschrecken und die Player am Markt unter dem Preisverfall leiden sehen.

Innerhalb der Förderorganisation Opec wächst der Widerstand gegen diese Politik, weil einige Länder selbst einen höheren Ölpreis brauchen, um ihre Ausgaben zu decken.
Aber Saudi-Arabien ist das mit Abstand einflussreichste und stärkste Land in der Opec. Dort sieht man die Entwicklung mehr wie ein langfristiges, einige Jahre andauerndes Spiel. Deshalb die klaren Aussagen dazu, dass man auch mit einem sehr niedrigen Ölpreis leben könne. Ich denke, dass Saudi-Arabien versucht, die Opec-Partner finanziell zu unterstützen, damit diese den Kurs mitgehen.

Wie beeinflusst das Ihre tägliche Arbeit als Portfoliomanager?
Wir haben zum Beispiel den Sektor Energie untergewichtet.

Welche Sektoren bevorzugen sie im Gegenzug?
Übergewichtet haben wir den Bereich Industrien, aber auch Gesundheit – letzteres vor allem in den entwickelten Volkswirtschaften. Es gibt in den USA einige Spitäler, die unterbewertet sind und von der anstehenden Gesundheitsreform profitieren.

Anzeige

Zum Thema Gesundheit: Haben Sie auch in den Schweizer Schwergewichten Roche und Novartis investiert?
Nein. Allerdings nicht, weil wir nicht an diese Konzerne glauben würden. Es ist einfach eine Frage der Alternativen. Wir erwarten uns von anderen Investments noch etwas mehr Rendite.

Sie managen einen Weltfonds. Steht bei Ihnen, ähnlich wie bei anderen Investoren auch, Europa weit oben in der Auswahl?
Das ist richtig. Europa haben wir übergewichtet, die USA dagegen untergewichtet. Das billige Öl, der gesunkene Euro, die fiskalische Entlastung nach mehreren Jahren Austerität – das alles deutet auf eine Erholung hin. Das Anleihekaufprogramm (QE) der Europäischen Zentralbank war nun der «Game Changer». Die Erfahrungen aus den USA und Japan haben in den Vergangenheit vor allem zwei Dinge gezeigt: Dass die jeweilige Währung sinkt und die Aktienmärkte zulegen.

Welche Firmen profitieren in Europa?
Vor allem die Exportfirmen sind interessant, zum Beispiel Airbus. Das Unternehmen hat einen grossen Kostenblock in Euro, verkauft seine Produkte aber vor allem in Dollar in die ganze Welt. Interessant sind auch europäische Immobilienfirmen, zum Beispiel Unibail-Rodamco oder Gecina aus Frankreich. Schwer tun wir uns hingegen mit Banktiteln.

Worauf setzen sie noch?
Stärker noch als Europa haben wir Schwellenländer heute übergewichtet. Indien etwa profitiert stark vom gesunkenen Ölpreis, die Aktien dort sind vergleichsweise günstig und die Wirtschaft erzielt womöglich schon sehr bald höhere Wachstumsraten als China. Spannend sind auch Indonesien und die Türkei. Der gesunkene Ölpreis führt auch in diesen Ländern zu mehr Konsum und einer Verbesserung der öffentlichen Haushalte. Allerdings sehen wir auch da von Investitionen in Öl- und Rohstofffirmen ab.

Anzeige
* Jay Nogueira ist Portfolio-Manager bei T. Rowe Price, wo er unter anderem einen globalen Aktienfonds betreut.