In ihrem neuen Buch The Incredible Shrinking Alpha beschreiben Larry E. Swedroe und Andrew L. Berkin ein Investitionsumfeld, in dem zunehmend technisch-wissenschaftlich versierte Analysten agieren, die auf Big Data, leistungsfähige Computer und akademische Forschung setzen. Angesichts dieses Wettbewerbs «werden die Hürden, Alpha zu erzielen [also Renditen über einer risikobereinigten Benchmark –  und daher Mass für den Erfolg bei der Auswahl einzelner Anlagen] immer höher.»

Diese Schlussfolgerung wirft eine Frage auf: Wird sich Alpha letztlich für jede vorstellbare Anlagestrategie in Richtung null bewegen? Oder grundlegender gefragt: Rückt der Tag näher, an dem die Finanzmärkte dank vieler kluger Köpfe und noch klügerer Computer ein Mass an Vollkommenheit erreichen, an dem wir uns gemütlich zurücklehnen, entspannen und davon ausgehen können, dass sämtliche Vermögenswerte korrekt bepreist sind?

Selbst Anlegerlegenden können den Markt nicht schlagen

Diesen imaginären Zustand könnte man als finanzielle Singularität bezeichnen – in Anlehnung an die hypothetische technologische Singularität, jenen Zeitpunkt also, an dem Computer an die Stelle menschlicher Intelligenz treten. Finanzielle Singularität impliziert, dass sämtliche Investitionsentscheidungen am besten einem Computerprogramm überlassen werden, da Experten mit ihren Algorithmen die Triebkräfte hinter Marktergebnissen ergründet und daraus ein fehlerfreies System entwickelt haben. 

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Viele glauben, dass wir diesen Zustand fast schon erreicht haben. Selbst Anlegerlegenden wie Warren Buffett, so wird argumentiert, schaffen es nicht wirklich, den Markt zu schlagen. In einer kürzlich veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeit unter dem Titel «Buffett’s Alpha»,  kommen Andrea Frazzini und David Kabiller von AQR Capital Management sowie Lasse Pedersen von der Copenhagen Business School zu dem Ergebnis, dass Buffett kein signifikant positives Alpha erreicht, wenn man bestimmte weniger bekannte Risikofaktoren berücksichtigt, die schwer auf seinem Portfolio lasten. Die Schlussfolgerung lautet, dass man Buffetts Genie mit einem Computerprogramm vervielfältigen könnte, das diesen Faktoren Rechnung trägt. 

Fehlbewertungen wären ausgemerzt

Wenn das stimmte, würden Anleger ihre Bemühungen, Fehlbewertungen am Markt zu erkennen scharenweise aufgeben, weil es diese Fehlbewertungen einfach nicht mehr gäbe. Die Marktteilnehmer könnten rational davon ausgehen, dass alle Aktienkurse den wahren erwarteten Barwert zukünftiger Zahlungsströme mit entsprechender Abzinsung widergeben und dass diese Cashflows Fundamentaldaten abbilden, die alle in gleicher Weise verstehen. 

Die Entscheidungen der Anleger würden nur aufgrund der Unterschiede ihrer persönlichen Situation voneinander abweichen. Ein Fahrzeugtechniker würde beispielsweise keine Automobilwerte kaufen – und diese Positionen möglicherweise sogar shorten -  um sich gegen das Risiko für sein oder ihr spezielles Humankapital abzusichern. Einem Big Data verarbeitendem Computer zufolge wäre dies tatsächlich die optimale Entscheidung.

Das Grossman-Stiglitz-Paradox

Hinsichtlich dieser vollkommenen Märkte besteht ein bereits seit langem bekanntes Problem: Niemand würde unter Aufwand herausfinden wollen, was die Preis-Oszillationen für die Zukunft bedeuten würden. Vor 35 Jahren beschrieben Sanford Grossman und Joseph Stiglitz in ihrer mittlerweile zum Klassiker gewordenen wissenschaftlichen Arbeit von der «Unmöglichkeit informationseffizienter Märkte», dieses Problem als Paradox: Vollkommen effiziente Märkte erfordern Bemühungen des Smart Money, die Märkte effizient zu gestalten; sind die Märkte allerdings schon vollkommen, würde das Smart Money diese Bemühungen einstellen.

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Dieses Grossman-Stiglitz-Paradox scheint im Fall der finanziellen Singularität weniger zwingend, wenn wir davon ausgehen, dass sämtliche Investitionsentscheidungen von Computern getroffen werden. Obwohl Alpha möglicherweise einen verschwindend geringen Wert aufwiese, wäre der Gewinn ausreichend, um die Computer am Laufen zu halten.

Schwer fassbare Begriffe

Doch das wahre Problem mit dieser Vision der finanziellen Singularität ist nicht das Grossman-Stiglitz-Rätsel, sondern die Tatsache, dass sich reale Märkte nirgends auch nur in der Nähe dieser Singularität befinden. Computer-Fans begeistern sich für Dinge wie die von Bitcoin verwendete Blockkette (zu der sich unter dem dramatisch als Exponential Finance betitelten Abschnitt auf einer Bildungswebseite namens Singularity University eine Abhandlung findet).

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Doch die Finanzwelt der Futuristen weist nicht die geringste Ähnlichkeit mit der realen Finanzwelt von heute auf. Schliesslich impliziert finanzielle Singularität, dass sämtliche Preise auf Dingen wie optimal prognostizierten zukünftigen Unternehmensgewinnen und der Korrelation dieser Gewinne mit erwarteten technologischen Innovationen und langfristigen demographischen Veränderungen beruhen. Doch im Bereich des Smart Money finden derart schwer fassbare Begriffe kaum Verwendung.

Gefühle und Aberglauben leiten Händler

In diesem Zusammenhang fällt es schwer, nicht an den jüngsten Kurssturz der Aktienbörsen in China zu denken. In den Nachrichtenbeiträgen sah man unzählige emotionale Händler, die auf Grundlage ihrer Gefühle und ihres Aberglaubens agierten. Das entspricht der Realität weit mehr als alles Gerede einer bevorstehenden finanziellen Singularität.  

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Wie ich in meinem Buch Irrationaler Überschwang betone, scheinen Geschichten die Triebkräfte auf den Märkten zu sein. Es gibt die Geschichten grosser neuer Zeitalter und drohender Depressionen. Es kursieren ganz elementare Geschichten über Technologie und schwindende Ressourcen sowie über Politik und bizarre Verschwörungen.

Was bringt ein Algorithmus?

Kein Mensch weiss, ob diese Geschichten der Wahrheit entsprechen, aber sie entwickeln ein Eigenleben. Manchmal verbreiteten sie sich wie ein Lauffeuer. Spricht man im Vertrauen mit scheinbar vernünftigen Menschen, stellt sich heraus, dass sie verrückte Theorien vertreten. Diese Menschen beeinflussen die Märkte, weil alle anderen Anleger darauf Bedacht nehmen müssen; und die Verrücktheit dieser Personen wird uns noch einige Zeit erhalten bleiben.

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Vielleicht ist es möglich, Buffetts Anlagestrategie heute in einen Algorithmus zu fassen. Das schmälert allerdings nicht unbedingt sein Genie. Der wahre Grund für seinen Erfolg liegt möglicherweise darin, dass er versteht, wann er eine Methode aufgeben und sich einer neuen Strategie bedienen muss. 

Das menschliche Urteilsvermögen ist unersetzbar

Die Vorstellung einer finanziellen Singularität mag ihren Reiz haben; aber sie ist nicht weniger illusorisch als die rationale Utopie, die Generationen von Zentralplanern beseelte. Das menschliche Urteilsvermögen – ob gut oder schlecht – wird die Grundlage der Anlageentscheidungen und Finanzmarktergebnisse für den Rest unseres Lebens und darüber hinaus bleiben.

Robert J. Shiller wurde 2013 mit dem Nobelpreis für Ökonomie ausgezeichnet. Er ist Professor für Ökonomie an der Universität Yale und, zusammen mit George Akerlof, Verfasser von «Animal Spirits: Wie Wirtschaft wirklich funktioniert».

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