In der Zeit in der man diesen Artikel liest, kann ein Börsencrash ausgelöst werden. Zuletzt passierte das am 6. Mai 2010. Eine Überreaktion auf einen Grossauftrag und die darauffolgende Kettenreaktion liessen den S&P 500-Index innerhalb von 6 Minuten um 6 Prozent absacken liess. Fast zeitgleich donnerte der Dow Jones Industrial Average um 9 Prozent in die Tiefe. Nach 20 Minuten war der Spuk wieder vorbei - genau so schnell wie die Kurse gefallen waren, sind sie auch wieder aufgestiegen.

Dieser «Flash Crash» war eine Folge des automatisierten Hochfrequenzhandels. Des Handels durch Computer also, bei dem Trader aus Fleisch und Blut keine Rolle spielen. Mathematische Algorithmen, auf die die Computer programmiert sind, können gleichzeitig kaufen und verkaufen. Dabei handeln die Computer Milliarden von Titeln innerhalb von Minuten. Sind Kurse erst einmal betroffen, springt der Dominoeffekt auf weitere Titel über, sie werden «infiziert» - wie von einem Virus.

Nervöse Märkte - erhöhtes Risiko

Dazu kommt die enorme Geschwindigkeit der Crashs. «Ist einmal ein spürbarer Kursrutsch ausgelöst, werfen sich die Algorithmen gegenseitig die Titel hin und her, wie heisse Kartoffeln», erklärt Dietmar Maringer. Der Wirtschaftswissenschaftler an der Uni Basel untersucht den Einsatz von Algorithmen im Hochfrequenzhandel. «Das Resultat ist eine Abwärtsspirale.»

Das Risiko solcher Blitz-Crashs erhöht sich, wenn die Märkte ohnehin schwankungsanfällig und nervös sind. Wie etwa genau jetzt: Die Griechenland-Krise und die instabile Situation im EU-Raum sorgen für eine hohe Volatilität an den Finanzmärkten.

«Ein ähnliches Szenario ist heute durchaus möglich», sagt Maringer. Zwar sichere man die Märkte nach jedem Crash wieder ab, die Ursachen sind jedoch jedes Mal anders. Auch hier passt der Vergleich mit Viren, die unverhofft in einer neuen Form auftauchen, und darum an den bewährten Abwehrmechanismen vorbeikommen.

«Künstliche Dummheit»

Schätzungen zufolge, werden heute 40 bis 70 Prozent aller Transaktionen dem Hochfrequenz-Handel zugerechnet. Eine Studie der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel geht nur von einem Marktanteil von 24 bis 30 Prozent aus, was den Anteil an elektronischen Händlern betrifft – mit steigender Tendenz. Die Zunahme begann in den Achtzigerjahren und ist bis heute angestiegen. Dabei werden nicht nur Aktien und Devisen von den Robotern gehandelt, sondern auch mit Rohstoffen spekuliert. Wird der Börsenhandel bald nur noch von Maschinen kontrolliert?

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«Nein, eine Maschine wird einen Trader nicht ersetzen können», lautet Maringers Antwort. Er begründet seine Aussage mit dem Prinzip der «künstlichen Dummheit» - Maschinen fehlt der Hausverstand: «Ein Algorithmus kann nicht abschätzen, ob beispielsweise das neue iPhone 4S von Apple ein Erfolg wird, und welchen Einfluss der Verkauf auf den Kurs haben könnte.»

Intelligente Algorithmen

Um einen «Flash-Crash» verhindern zu  können, muss man die Wirkungsweise von Algorithmen verstehen. Manche nutzen lediglich bestehende Markt-Ungleichgewichte wie Wechselkursunterschiede aus, andere können aktiv spekulieren. Während Erstere sogar den Markt stabilisieren können, sind Letztere oft gefährlich.

Die spekulierenden Algorithmen werden von Mathematikern, Physikern und Ökonomen mit Parametern gefüttert: Kriterien also, von denen der Algorithmus seine Spekulationen abhängig macht. Das können zum Beispiel Kennzahlen wie Aktien-Indizes oder die Volatilität des Marktes sein.

Gefährlich wird es, wenn viele Computern mit ähnlichen Parametern gefüttert wurden. Schlägt so ein gemeinsamer Nenner aus, und platziert gleichzeitig eine der Maschinen einen Auftrag, der den Kurs spürbar bewegt, handeln alle synchron: Innerhalb von  Sekunden rast der Kurs in die Tiefe, oder in die Höhe. Auf den Punkt gebracht: Je ähnlicher sich die Algorithmen sind, umso gefährlicher werden sie.

Die Lösung des Problems

Ein vermeintlicher Schutz  gegen solche Abstürze sind «Circuit Breakers», man kann Sie sich vorstellen wie Sicherungsschalter in einem Haus: Wird der Stromkreis überlastet, legt sich der Schalter um und die Lichter gehen aus. Im Börsenhandel werden einfach die vom Crash betroffenen Titel blockiert und den Algorithmen werden die Hände gebunden. Die Sache hat aber einen Haken: «Wenn der Stecker gezogen wird, kann sich der Kurs auch nicht  mehr so schnell erholen, wie es  im Mai 2010 der Fall war» erklärt der Experte.

Eine andere Möglichkeit wäre, die Algorithmen vor ihrem Einsatz an aktuellen Daten zu testen. In einer zeitechten Simulation könnte man die Ursachen von Crashs im Voraus entdecken. Man müsste neue Testverfahren entwickeln, die einerseits das Wechselspiel zwischen Algorithmen, andererseits den Einfluss des Algorithmus besser als bisher bewerten können.

«Im Endeffekt braucht es Märkte und Marktsysteme, die mit dem automatisierten Hochfrequenzhandel umgehen können.», sagt Maringer. Die Algorithmen sollten robuster werden und man müsse Regeln finden, die man rechtzeitig anwenden kann. Einen Kompromiss gibt es nicht, sagt der Wirtschaftswissenschaftler: «Ein Phänomen im automatisierten Handel ist, dass es entweder rund läuft oder es einen spektakulären Crash gibt.»

(laf)