1.20 Franken pro Euro. Diesen Wechselkurs will die Schweizerische Nationalbank (SNB) seit vergangenem Herbst «mit allen Mitteln» verteidigen - ganz zum Wohle der eigenen Volkswirtschaft. Spekulanten und Hedge Funds sollten es nicht wagen, die Entschlossenheit der Schweizerischen Währungshüter auf die Probe zu stellen. 

Seit dem Rücktritt von SNB-Präsident Philipp Hildebrand geht allerdings an den Devisenmärkten die Angst um, dass Marktteilnehmer die ramponierte Glaubwürdigkeit und den führungslosen Zustand der Nationalbank ausnutzen und zum Grossangriff auf die am 6. September 2011 festgelegte Euro-Untergrenze blasen. Diese Furcht ist nicht unberechtigt: Im Dezember 2011 musste die Nationalbank die Untergrenze erstmals verteidigen. Kommt hinzu: Seit dem Abgang Hildebrands schrammt der Euro immer wieder gefährlich nahe an der festgelegten Untergrenze vorbei.

Nationalbank verteidigte Untergrenze im Dezember

Recherchen von «Handelszeitung Online» zeigen: Vor den Weihnachtsfeiertagen kaufte die SNB auf den Devisenmärkten Euro in Milliardenhöhe. Bankenexperten bestätigen den Einsatz von 23 Milliarden Franken und schliessen nicht aus, dass diese Intervention mit einem Angriff von Hedge Funds auf die Euro-Untergrenze im Zusammenhang steht.

«Aber selbst wenn es sich dabei um eine Attacke gehandelt haben sollte, war es kein ernst zunehmender Angriff», sagt Tobias Steinemann, Devisenspezialist der Bank Vontobel. Hätten die «Heuschrecken» in einer koordinierten Aktion die Entschlossenheit der Nationalbank «ernsthaft» herausgefordert, wären laut Steinemann weit höhere finanzielle Mittel als 23 Milliarden Franken zur «Verteidigungsschlacht» nötig gewesen. 

Auch wenn Hedge Funds nicht für ihre Zurückhaltung berühmt sind, überrascht Mathias Hoffmann das Vorgehen der Spekulanten nicht. «Es ist ein fundamentaler Unterschied, ob eine Zentralbank ihre Währung gegen eine Aufwertung oder gegen eine Abwertung verteidigen muss», sagt der Professor für Volkswirtschaft an der Universität Zürich. Müsste die SNB den Franken stärken, würde sie den Verteidigungskampf an der Börse verlieren. Der Grund: Sie verfügt letzlich nur über begrenzte Fremdwährungsreserven. 

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Kein Notenbank-Chef: Für Hedge-Fonds eine Einladung

Die Nationalbank will den Franken jedoch abwerten. «Deshalb kann die Nationalbank theoretisch unbegrenzt Liquidität auf den Markt werfen, um die eigene Währung zu schwächen. Die Spekulanten und Hedge Funds sind sich dieser asymmetrischen Situation sehr wohl bewusst», erklärt Hoffmann. Will heissen: Hedge Funds wissen, dass sie das Duell gegen die Währungshüter zumindest kurzfristig nicht gewinnen können.

Dennoch erstaunt es, dass der Wechselkurs trotz der Vorsicht von Spekulanten und Hedge Funds seit Wochen gefährlich nahe an der festgelegten Untergrenze herumdümpelt. «Die Marktteilnehmer gingen im vergangenen Dezember davon aus, dass die Schweizerische Nationalbank die festgelegte Untergrenze von 1.20 auf 1.30 Franken anheben wird», sagt UBS-Devisenexperte Thomas Flury.

Als Hedge Funds und institutionelle Anleger wie Pensionskassen enttäuscht wurden, mussten sie ihre Positionen schliessen. Die Folge: Eine Abwärtsspirale setzte ein, die heute noch andauert. «Ausserdem hat die Europäische Zentralbank den Leitzins gesenkt», sagt Flury. Zudem bleibt in den Köpfen der Investoren und Anleger der Schweizer Finanzplatz nach wie vor als «sicheren Hafen» verankert. Diese Faktoren führten zu einer weiteren Aufwertung des Schweizer Frankens. 

Schweizer Nationalbank braucht rasche Nachfolgeregelung

Derweil warnen die Finanzexperten davor, den möglichen Angriff von Spekulanten auf die leichte Schulter zu nehmen. «Wenn sich Griechenland und die Grossbanken nicht auf einen Schuldenschnitt einigen können, die Ratingagenturen weiter die Kreditwürdigkeit des europäischen Rettungsschirms und einzelner EU-Schuldenstaaten herabstufen, könnten Hedge Funds versucht sein, die Entschlossenheit der SNB ernsthaft zu testen», sagt Vontobel-Ökonom Steinemann. 

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Vor diesem Szenario fürchtet sich auch UBS-Devisenspezialist Flury. Besonders beunruhigend dabei sei, dass sich die Notenbank zum Zeitpunkt eines Hedge-Funds-Angriffes in einem führungslosen Zustand befinden könnte. «Eine Zunahme der Marktunsicherheiten während des Evaluationsprozesses für die Hildebrand-Nachfolge wäre ungünstig», sagt Flury. «Die Wechselkursuntergrenze könnte so leicht zum Politikum werden, was die Verteidigungslinie schwächt.» Mit anderen Worten: Die Politiker wären laut Flury gut beraten, das Präsidium möglichst rasch zu besetzen. 

Sollte es tatsächlich zu einem Duell zwischen Nationalbank und Hedge Funds kommen, hätten die Währunghüter den Experten zufolge aber genügend Instrumente, um den Kampf für sich zu entscheiden. So kann die SNB auf dem Devisenmarkt Euro kaufen. «Mit diesen erworbenen Euro oder Dollar kann sie sichere Staatsanleihen oder Pfandbriefe kaufen», sagt David Marmet, Devisenspezialist der Zürcher Kantonalbank. Diesen Weg gingen die Währungshüter nicht nur vergangenen Dezember sondern auch im Jahre 2010. Damals kaufte sie je nach Berechnungsweise Devisen in Höhe von 150 bis 200 Milliarden Franken. 

«Präventivschlag» wäre zu gefährlich

Die letzte Möglichkeit wäre der Präventivschlag - sprich: die Euro-Untergrenze von 1.20 auf 1.30 Franken anzuheben. Davor warnen die Experten jedoch eindringlich. «Ob der Währungskurs bei 1.20 oder 1.25 liegt, spielt für die meisten exportorientierten Unternehmen keine wesentliche Rolle», sagt Marmet stellvertretend für die befragten Experten. Desweiteren würde die internationale Gemeinschaft eine weitere Anhebung der Untergrenze missbilligen. «Marktteilnehmer könnten diesen Akt als Beginn eines Schweizerischen Währungskrieges werten», so Marmet.  

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