Die Rückstufungen von Frankreich, Österreich und des EU-Rettungsfonds durch die Ratingagentur Standard & Poor's haben die Börsen kaum beeindruckt. Haben Ratingkorrekturen ihren Schrecken verloren?
Bruno Gisler: Die Überprüfung der Bonität der EU-Staaten hat Standard & Poor's bereits im Dezember angekündigt. Entsprechend war die Umsetzung nun ein Non-Event. Der Markt hat die Rückstufung vorweggenommen. So ist es bei den CDS-Spreads, anhand derer ein Kreditausfallrisiko gemessen werden kann, weder absolut noch relativ zu Deutschland zu einer Veränderung gekommen.

Für gute Stimmung sorgte andererseits, dass Italien und Spanien eine Finanzierung zu günstigen Konditionen gelungen ist. Wer waren die Käufer der Anleihen?
Die Europäische Zentralbank (EZB) kauft weiterhin Staatsobligationen. Letzte Woche waren es 3,8 Milliarden Euro, insgesamt sind es mittlerweile 217 Milliarden Euro. Daneben haben sich wohl auch Banken engagiert, die vor Weihnachten von der EZB billiges Geld zugeteilt bekamen. Zudem ist bei anderen Marktteilnehmern viel Liquidität vorhanden, die investiert werden will.

An wen denken Sie dabei?
An Hedgefonds, aber auch an private Investoren. Man darf nicht vergessen, dass Anlagenotstand besteht. Die Zinsen dieser Anleihen sind hoch, und es winken, je nach Beurteilung der Lage, ­sogar Kursgewinne.

Ein lohnendes Geschäft also.
Wer kurzfristige Papiere kauft, verspricht sich zumindest eine Rückzahlung zu pari. Die Käufer erwarten, dass sich Europa durch die Krise mogeln kann und vorläufig nicht auseinanderfällt. Wir raten hier aber von einem Investment ab.

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Weshalb?
An den grundsätzlichen Problemen in Europa hat sich nichts geändert. Es wird erst zu einer nachhaltigen Entspannung kommen, wenn sich die Politiker auf einen Lösungsansatz geeinigt haben. Dann nimmt die Unsicherheit ab. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg.

Positive Zeichen gibt es seitens der Konjunktur, insbesondere aus Deutschland und den USA. Welche Entwicklung erwarten Sie für 2012?
Trotz dieser Anzeichen erwarten wir in Europa ein leicht negatives Wachstum. Europa muss achtgeben, dass es nicht in eine deflationäre Abwärtsspirale gerät. Etwas besser sieht es in den Vereinigten Staaten aus. Hier gehen wir von einem Wachstum von 1,5 bis 2 Prozent aus – unter der Voraussetzung, dass die Stimulationsprogramme, die Ende Februar auslaufen, nochmals verlängert werden.

Worauf basiert Ihre Annahme?
Die Sparquote in Amerika hat zuletzt von 6 auf 3,5 Prozent abgenommen. Hinzu kommt eine fiskalische Bremswirkung aus den Mitgliedstaaten und das Ende eines Investitionsprogramms.

Beunruhigt Sie die Abschwächung des Wirtschaftswachstums in China?
Mit einer Abnahme um 0,2 auf ein Wachstum von 8,9 Prozent ist die Abschwächung geringer ausgefallen als erwartet. Zudem haben die Detail­han­dels­verkäufe mit 18,1 Prozent positiv über­rascht. Wir prognostizieren eine weiche Landung, da China die Probleme im Immobilienbereich und in der Kreditvergabe an die Provinzen im Griff haben sollte.

Wie soll sich ein Anleger in der aktuellen Situation positionieren?
Eine gute Diversifikation ist wichtig, wobei wir Nominalwerte wie Obliga­tionen unter- und Realwerte wie Aktien, Rohstoffe und Immobilien übergewichten würden.

Welche Titel kommen dabei in Frage?
Wir setzen auf Themen. Bezüglich Dividenden erachten wir Swisscom und Roche als attraktiv, im Bereich asiatischer Konsum sind es Swatch und Richemont. Im Falle von Wachstumsmärkten empfehlen wir Sulzer und Sika. Daneben ist Nestlé ein grundsolider Wert mit einer ansprechenden Dividende.
 

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