Der Jubel über die Griechenland-Einigung ist gross. Zu Recht?
Die derzeitige Ausgangslage ist, dass die ideologisch links-gerichtete griechische Regierung nach einem klaren Nein-Referendum des Volkes zurück an den Verhandlungstisch sitzt und schlussendlich mit Widerwillen eine Einigung unterzeichnet, an die sie nicht glaubt. Eine Einigung, die weder von der Politik, noch vom Volk unterstützt wird, ist nicht nachhaltig. Das System wird sich unter diesen Bedingungen kaum reformieren lassen. Hinzu kommt, dass Europa in dieser Frage ebenfalls nicht geeint ist. Jubel ist fehl am Platz.

Was heisst das nun für die Börsen?
Die Börsen diskontieren die Marktgeschehnisse über die nächsten sechs bis neun Monate. Kurzfristig ist mit der Einigung ein Unsicherheitsfaktor in den Hintergrund getreten und dies wirkt sich positiv auf die Marktpreise aus. Mittelfristig wird Griechenland unweigerlich wieder Schlagzeilen machen. Das Problem ist ja nicht gelöst, sondern lediglich aufgeschoben.

Soll man in dieser Ausgangslage als Anleger am besten die Finger von europäischen Papieren lassen?
Nein. Vorderhand hat sich die Lage ja beruhigt. Die Europäische Strategie ist, das Problem mit frischem Geld vor sich herzuschieben. Dies wird wohl solange funktionieren, bis eine neutrale Institution, wie der Internationale Währungsfonds, mit einer Studie zum Schluss kommt, dass die Annahmen nach unten korrigiert werden müssen, die Situation nicht nachhaltig ist und Griechenland ein weiteres Rettungspaket benötigt.

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Wie stark wird der Schweizer Markt in diesen Strudel gezogen werden?
Wie die anderen europäischen Märkte profitiert der Schweizer Markt vorderhand ebenfalls von der Griechenland-Einigung. Mit den zwei Schwergewichten Pharma und defensive Konsumgüter ist die SMI-Sektor-Ausrichtung grundsätzlich defensiv. Sicherlich kein Nachteil, wenn man eine mittelfristige Perspektive einnimmt.

Probleme gibt es ja aber nicht nur in Europa, sondern auch in China. Könnte das für zusätzlichen Druck auf die Kurse sorgen?
Die Entwicklung in China ist klar von grösserer Bedeutung. Solange die Regierung die finanziellen und monetären Mittel hat, die Wirtschaft zu unterstützen, scheinen die Probleme kontrollierbar. Stabilität liegt im ureigensten Interesse der chinesischen Regierung. Vorderhand sehen wir hier noch wenig Druck.

Wie sollte man sich da als Investor positionieren?
Vergleicht man die drei Blöcke USA, Europa und die Schwellenländer, so bevorzugen wir Europa und davon insbesondere Italien und Spanien. Dafür sprechen drei Gründe. Erstens: Die Einigung mit Griechenland senkt deren Risikoprämien (vorerst zumindest). Zweitens: Das Bewertungsniveau kombiniert mit der Gewinndynamik erachten wir als attraktiv. Und Drittens: Beide Länder erwirtschaften einen hohen Anteil ihrer Gesamtumsätze innerhalb Europas. Sie profitieren dementsprechend stärker von einem europäischen Aufschwung. Die Exportnation Deutschland schaut derzeit vor allem auf China.

Welche drei Aktien erachten Sie momentan als attraktiv?
Bleiben wir bei der Aktienselektion in der Schweiz. Die Märkte sind derzeit stark vom Momentum getrieben. Sprich: Kurzfristig sollten die technischen Faktoren höher gewichtet werden als die fundamentalen. Aus technischer Sicht beurteilen wir die Momentumfaktoren am stärksten bei Lonza, Novartis und Straumann.

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Und wer risikofähig ist, soll der vielleicht wagen, auf griechische Aktien zu wetten?
Wetten ist wohl der richtige Ausdruck. Im derzeitigen Umfeld machen Fundamentalanalysen keinen Sinn. Der MSCI Griechenland ist gemäss MSCI seit November 2013 ein Schwellenland und umfasst nur gerade neun Aktien mit einer vergleichsweise kleinen Kapitalisierung. Sprich: Das Risiko/Rendite-Verhältnis steht in keinem Verhältnis zu den noch ungelösten wirtschaftlichen und politischen Problemen bei gleichzeitig sehr beschränkter Liquidität.

*Heinz Rüttimann ist Emerging Market Strategy Analyst bei der Bank Julius Bär.