Eigentlich war Simon Murray viel grössere Fische gewohnt. Doch der ­Asienchef der Deutschen Bank mit vorzüglichen Kontakten bis hinauf in die obersten Etagen von Honkongs Wirtschaft und Politik liess es sich an jenem Tag im Jahr 1995 nicht nehmen, persönlich der Zeremonie beizuwohnen. An der schlichten Feier wurde ein Kreditvertrag mit der kanadischen Sino-Forest unterzeichnet. Die deutschen Banker liehen der kurz zuvor gegründeten Forstwirtschaftsfirma damals «eine kleine Summe», wie deren Gründer und Chef Allan Chan kürzlich erzählte. «Es war nett von Murray, eine so kleine Firma zu unterstützen». Danach seien sie Freunde geworden.

Die Freundschaft wird gerade getestet. Seit das Hongkonger Analysehaus Muddy Waters Sino-Forest Anfang Juni in einer 40-seitigen Studie als «institutionalisierten Betrug» bezeichnete, stürzte der Aktienkurs des Unternehmens um mehr als 80 Prozent ab. Konzernchef Chans Freund Murray trifft das gleich mehrfach. Einerseits sitzt er heute im Verwaltungsrat von Sino-Forest. Andererseits ist er auch Mitglied des Aufsichtsgremiums der Tochter Greenheart Group, die er 1999 selbst gegründet hatte und später mehrheitlich an Sino-Forest verkaufte. Noch immer hält er über seine eigene Anlagefirma GEMS grössere Anteile am Unternehmen, das Holzplantagen in Surinam betreibt.

Gegen Frauen, Ausländer, Banken

Doch es ist vor allem in seinem jüngsten Job, wo sich die Affäre um Sino-Forest zum Problem auswachsen könnte. Der Brite, der sich gerne damit brüstet, in seinem Leben schon von einem Leoparden gejagt worden und aus Maschinengewehren beschossen worden zu sein, ist seit April Präsident bei Glencore. Nach dem flauen Börsenstart wäre der Schweizer Rohstoffriese auf eine gute Presse angewiesen. Doch Murray trat in den letzten Monaten wiederholt in Fettnäpfchen. In einem Interview bezeichnete er Frauen als «wenig ambitiös im Job», weil sie durch Kindererziehung «und andere Dinge» abgelenkt würden. Auch über Asylbewerber schimpfte er (sie würden kriminell und dann werde man sie nicht mehr los), über England (eine Nation von Fussball-Hooligans) und die Banken: «Sie hatten alles, was man haben konnte. Und was habe sie daraus gemacht? Sie haben versagt.» Es sind nicht die Worte, die man von einem Präsidenten eines der grössten Schweizer Konzerne gewohnt ist. Experten sprechen in Zusammenhang mit Murray bereits von einem «PR-Albtraum».

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Die enge Verflechtung mit einem ­möglichen Milliardenbetrug à la Madoff – die Analysten von Muddy Waters ­sprechen von einem «Multimilliarden-Schneeballsystem» und «substanziellem Diebstahl» – kommt da für den ehemaligen Fremdenlegionär, Südpol-Solowanderer und Everest-Besteiger genauso ungelegen wie für seinen neuen Arbeitgeber in Zug. Der steht als Publikumsgesellschaft nun noch mehr im Fokus und muss in der politisch heiklen Rohstoffbranche ein seriöses Image pflegen. Das Thema ist bei Glencore denn auch intern ein Thema auf höchster Ebene gewesen. Ein Problem sieht man im Vorfall indes nicht. «Wir sind zufrieden mit Simon Murray als Präsident», erklärt Sprecher Simon Buerk.

Doch bereits wetzen mehrere kanadische Anwaltskanzleien die Messer. Sie prüfen die Einreichung von Sammelklagen gegen Sino-Forest und deren Verantwortliche. Die Juristen von Siskinds, Demeules in Québec haben ihr Begehren bereits bei einem Bezirksgericht eingereicht. Darin wird ausdrücklich auch Murray als Beklagter aufgeführt, wie Anwalt Simon Hébert bestätigt.

Sino-Forest bezeichnete den Bericht von Muddy Waters umgehend als «unzutreffend, ungerecht und diffamierend». Das Unternehmen kündigte deshalb rechtliche Schritte an. Muddy Waters habe bei der Publikation der Studie eigennützig gehandelt, beklagt sich Sino-Forest. Denn das Analysehaus habe selbst Short-Positionen besessen, welche dank dem Kurssturz hätten vergoldet werden können. Doch die Anleger liessen sich durch die scharfe Reaktion bis anhin nicht beruhigen. Der Aktienkurs hat sich seit dem Absturz nicht erholt, sondern ist seither gar noch weiter abgesackt (siehe Grafik).

Zu hart sind die Worte, welche Muddy Waters in der Studie verwendet, an der zehn Experten, fünf Privatdetektive und vier Anwaltskanzleien während zweier Monate mitgearbeitet haben sollen. Die an der Börse von Toronto kotierte Sino-Forest sei ein «institutionalisierter Betrug, der dank frühem Start, Glück und geschicktem Agieren» ein riesiges Ausmass angenommen habe, lautet die Feststellung der Experten. Und das von Beginn weg: «Sino-Forest beging seit dem Börsengang aggressiven Betrug.»

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Struktur mit vielen Offshore-Firmen

Im Kern der Mogelei stehe eine verschachtelte Firmenstruktur, zu der auch 20 Offshore-Firmen auf den British Virgin Islands gehören. Die allermeisten Umsätze würden dabei mit sogenannten «autorisierten Zwischenhändlern» getätigt. Diese seien unbekannt und produzierten zudem Luftbuchungen. So blase Sino-Forest die Erträge massiv auf. Muddy Waters behauptet jedoch weiter, dass das Unternehmen nicht nur bei den Einnahmen trickse, sondern auch bei den Investitionen und Aktiven. Und nicht zuletzt gebe es «klare Anzeichen dafür, dass Sino-­Forest die Bücher gefälscht hat».

Über alle Zweifel erhaben ist Muddy Waters indes selbst nicht. Analyst Richard Kelertas vom kanadischen Broker Dundee Capital Markets hält die Beschuldigungen des Analysehauses jedenfalls für «falsch». Ein Blogger der renommierten Finanz­webseite «Seeking Alpha» untersuchte vergangene Analysen des Unternehmens genauer. Sein vernichtendes Fazit: Muddy Waters lag in zwei von drei Fällen total daneben. Die Vorwürfe erwiesen sich da als grundfalsch. Und er versuchte auch den Hauptsitz des Unternehmens in Hongkong aufzufinden. Doch an der angegebenen Adresse fand er nicht einmal ein Firmenschild. Einen Telefonanschluss ­besitzt Muddy Waters genauso wenig.

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