Nachdem die Anleger letztes Jahr viel Geld mit Rohstoff-Investments verloren hatten, haben nun die Preise kräftig zugelegt. Hat die Rally Bestand?
Tobias Merath:
Wir sind der Meinung, dass wir 2011 nicht das Ende der langfristigen Rohstoff-Hausse gesehen haben, sondern nur eine heftige Korrektur.

Wieso?
Ähnlich wie 2008 war die ­Nachfrage rezessionsbedingt rückläufig. Der Trend verschärfte sich noch wegen der eingeschränkt funktionierenden ­Kreditmärkte, was sich dann auch auf die ­Finanzierung des Rohstoffhandels ­auswirkte. Mit der konstruktiven Diskussion um eine Lösung der Schuldenkrise dürfte sich die Lage bei der Rohstoff­finanzierung normalisieren. Gleichzeitig haben die amerikanischen Früh­indikatoren nach oben gedreht. Damit ­dominieren nun wieder langfristig ­gültige, strukturelle Faktoren die Preisentwicklung.

Wie wirken sich diese aus?
Nehmen Sie das Beispiel Erdöl. Seit 1970 stieg der Verbrauch um durchschnittlich 1,6 Prozent pro Jahr. Bezogen auf die tiefen Zahlen der 1970er-Jahre entsprach diese Rate damals noch einem jährlichen Mehrbedarf von rund 0,7 Mil­lionen Fass beim Tagesverbrauch. Vom heutigen Niveau aus entsprechen 1,6 Prozent Wachstum aber bereits 1,4 Millionen Fass. Das ist ein Volumen, das etwa der Produktion Libyens entspricht. Jahr für Jahr müsste also ein Förderland von der Grösse Libyens neu erschlossen werden.

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Das Erdöl wird knapp?
Nein, vorläufig gibt es genug ­Ölreserven. Aber sie lassen sich nicht im nötigen Umfang Jahr für Jahr neu erschliessen – und vor allem ist der stetig steigende Verbrauch nicht nachhaltig. Weil das Angebot hinter der Nachfrage herhinkt, führt dies zu Preisexzessen wie 2008, als das Öl auf 150 Dollar pro Barrel stieg. Als Reaktion überschiesst das Öl ebenso massiv wieder nach unten, um dann erneut nach oben zu korrigieren. Ähnlich volatile Kurse und ein analoges Angebot-und-Nachfrage-Problem gibt es bei diversen anderen Rohstoffen.

Doch derzeit zeigt der Erdölpreis nach oben.
Die Aussichten für die Weltkonjunktur haben sich ja mittlerweile etwas aufgehellt. Preissteigernd wirken auch gewisse geopolitische Faktoren, etwa der Konflikt mit dem Ölproduzenten Iran. Wir erwarten deshalb, dass sich der WTI-Ölpreis über die nächsten zwölf Monate auf dem Niveau von 100 Dollar pro Barrel seitwärts bewegt.

Heftige Kurskapriolen vollführt dagegen Gold. Warum sackte es in der Kreditkrise jeweils an besonders schwarzen Tagen zusammen mit Aktien in die Tiefe?^
Gold ist ein sicherer Hafen, aber nicht in Liquiditätskrisen. Dann ist Cash begehrt, und unter Umständen müssen Finanzinvestoren Gold verkaufen, um die Liquidität im Portefeuille zu erhalten. Das drückt dann natürlich auf den Goldpreis. Aber in Krisensituationen, wo ­zu viel Liquidität vorhanden ist, also in ­einem inflationären Umfeld, ist Gold weiterhin eine gute Anlage.

Was geschieht nun mit dem Goldpreis?
Wir denken, dass der Aufwärtstrend weitergeht, wenn auch verlangsamt. So dürfte der Goldpreis in drei ­Monaten bei 1750 und in einem Jahr bei 1900 Dollar pro Unze stehen.

Inwieweit sind Platin und Silber eine Alternative zum Gold?
Die Preisentwicklung von Silber ist zwar eng an jene von Gold gekoppelt, ist aber viel anfälliger auf Korrekturen. Erstens ist der Markt sehr viel kleiner als jener von Gold. Zweitens findet Silber Anwendung in der Industrie und ist ­damit von der Konjunktur abhängig. Das wird noch dadurch verstärkt, dass Silber oft als Nebenprodukt von Kupfer oder ­anderen Industriemetallen anfällt. Statt Silber gefallen uns derzeit eher Platin und Palladium: Unserer Meinung nach sind hier die negativen Folgen der Kredit­klemme immer noch übermässig spürbar; die beiden Metalle sind unterbewertet.