Er wurde in den vergangenen Tagen millionenfach herumgereicht: Der «Chart of Doom» zeigt erschreckende Parallelen zwischen dem Börsencrash im Jahr 1929 und der Gegenwart. Stimmt die Grafik, soll es heute so weit sein: Der Dow Jones Index wird am Nachmittag (mitteleuropäischer Winterzeit) 25 Prozent an Wert verlieren. Und das wird sich wie ein Lauffeuer auf die Börsenplätze dieser Welt übertragen.

Zweiter Grund für den unmittelbar bevorstehenden Absturz: Nach dem 19 Milliarden Dollar schweren Kauf von Whatsapp durch Facebook warnen Experten davor, dass grosse Übernahmen meistens einen bevorstehenden Crash ankündigen. Auch hier werden Chartbilder als Argument zu Hilfe genommen: Die Technologiebörse Nasdaq (wo die Facebook-Aktie gehandelt wird) nähert sich in der Tat einem ähnlichen Peak wie im Herbst 2000 – was danach folgte (Stichwort Internetblase) ist hinlänglich bekannt.

US-Investor Soros baut Short-Positionen auf

Und noch ein Grund, weshalb die Aktienbörsen wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrechen werden: US-Investmentlegende George Soros hat in seinem Fonds in den vergangenen Wochen und Monaten massig (Synonym für mehr als 1,3 Milliarden Dollar) Short-Positionen aufgebaut – setzt also auf fallende Kurse.

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Genügt Ihnen das als erdrückende Beweislage?

Nicht? Dann sind Sie mit dieser Reaktion durchaus in guter Gesellschaft. Niemand hat Anfang 2014 behauptet, dass die Börsenparty wie in den vergangenen Jahren weitergehen wird. Die Aktienindizes haben nun schon fünf positive Jahre in Folge aneinandergereiht – 2013 war beim S&P 500 sogar das erfolgreichste Jahr seit 1997. Rückschläge oder Korrekturen (oder wie immer Sie es nennen wollen) sind also eine logische Folge. 

Psychologische Wirkung auf Anleger

Der «Chart of Doom» verfehlt seine psychologische Wirkung kaum: Je mehr Leute in Panik verfallen, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Schäflein ins Trockene gebracht – sprich: verkauft – werden. Immer wieder wurden in der Vergangenheit Kursbilder miteinander verglichen und daraus (teils abstruse) Herleitungen konstruiert. Doch die Vergangenheit lässt sich an den Finanzmärkten nicht ohne Weiteres wiederbeleben und reproduzieren. 

In den Monaten vor dem «Schwarzen Freitag» 1929 (der an der Wall Street übrigens an einem Donnerstag stattfand…) hatte die US-Notenbank den Leitzins angehoben, um durch die Verteuerung von Geld der Spekulationswut entgegenzuwirken. Derartige Parallelen sind heute nicht auszumachen, wenngleich die Fed zuletzt zumindest die Tür für höhere Zinsen mit einem leichten Stubser geöffnet hat.

Kommt hinzu, dass trotz hoher Liquidität im Markt, an den Aktienbörsen noch keine breite Spekulation eingesetzt hat, wie sie beispielsweise vor dem Platzen der Internetblase Ende der Neunzigerjahre festzustellen war. Damals musste fast jeder Haushalt «zwangsmässig» auf den Aktienzug aufspringen – in Deutschland wurde die «Generation Telekom» und der Begriff «Volksaktie» aus der Taufe gehoben. Mit anderen Worten: Der ganz grosse Hype fehlt gegenwärtig.

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Hoher Aktienanteil als Alarmsignal

Das Alarmsignal, das der Facebook-Kauf ausgesendet hat, besteht einzig und allein darin: Wenn Firmen Übernahmen mit einem hohen Aktienanteil zahlen, deutet dies auf staatlich bewertete eigene Titel hin. Stimmt. Und ist nicht von der Hand zu weisen. Es kann im Fall von Mark Zuckerberg aber auch darauf hindeuten, dass er für die Cash-Position (bei der Transaktion fliessen «nur» vier Milliarden Dollar in bar) bereits weitere Optionen in der Schublade hat, die Whatsapp-Gründer zudem eng an ihr Produkt binden will – und er zugleich ganz offenbar Konkurrent Google in einem Bieterstreit ausstechen musste.

Die Anleger schert auch dieser Punkt ganz offensichtlich wenig: Nach dem anfänglichen Kursrücksetzer bei Bekanntwerden des Deals, erholte sich die Facebook-Aktie bereits wieder und kratzt an der 70-Dollar-Marke.

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Bliebe für Berufspessimisten noch die Argumentation der Investmentlegenden: Ja, Soros setzt Short-Produkte ein – doch damit der 83-jährige gebürtige Ungar damit Geld macht, müssen die Kurse nicht einbrechen, sondern lediglich tiefer notieren. Die daraus abgeleitete Crash-Konstruktion ist folglich mehr als nur wacklig.

Auch US-Investor Carl Icahn, der zuletzt Apple-Chef Tim Cook in die Enge getrieben hatte, warnte übrigens vor einem bevorstehenden Börsenabsturz. Das war zuletzt im Oktober 2013 – die weitere Geschichte ist bekannt.

Und für Anleger bleibt somit das Fazit: Jetzt nur nicht die Panik verlieren.