Wer den Sommer 2015 mit den vorangegangenen Jahren vergleicht, weiss: Ein mehrwöchiges meteorologisches Sommerhoch wie dieses Jahr ist in unseren Breitengraden die Ausnahme, nicht die Regel. Noch wesentlich seltener sind dauerhaft schöne Sommer an den Aktienmärkten.

Normal ist sogar genau das Gegenteil, nämlich eine lange Sommerflaute und ein darauffolgendes Herbsttief. Diese Phänomene gehören zu den auffälligsten Regelmässigkeiten an den sonst so wenig berechenbaren Märkten – Aktienanleger ziehen offensichtlich die Kälte vor.

November bis April sind starke Börsenmonate

Für den Leitmarkt USA haben unter anderem die beiden Ökonomen Jeffrey und Yale Hirsch nachgewiesen, dass die Monate November bis April meist ausgesprochen starke Börsenmonate sind, während die Monate Mai bis Oktober nur schwach abschneiden. Dies wirkt sich vor allem langfristig in geradezu verblüffenden Performance-Unterschieden aus. Hätte ein Investor sein Kapital seit 1945 nur in den sechs Wintermonaten in den Dow Jones Industrial investiert, wäre sein Vermögen um das 69-Fache gestiegen. Wer dagegen nur in den Sommermonaten engagiert gewesen wäre, hätte in den letzten 61 Jahren total nur magere 9 Prozent verdient.

Das Internetportal Seasonaltrend hat den Kursverlauf des Dow Jones in den Perioden 1956 bis 1982 und 1983 bis 2010 untersucht und herausgefunden, dass sich die saisonalen Trends mit der Zeit sogar noch verstärkt haben: «Die Rallys gegen Jahresende und Anfang Jahr und die Rückschläge September/Oktober wurden sogar noch etwas ausgeprägter.»

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Saisonalität weltweit zu beobachten

Ganz genau hat es der neuseeländische Finanzmarktforscher Ben Jacobsen wissen wollen. Er hat die Saisonalität der Aktienmärkte gleich in 109 Ländern erforscht. Sein Ergebnis: Im Winterhalbjahr rentieren die Aktienmärkte weltweit 6,9 Prozent, im Sommerhalbjahr bescheidene 2,4 Prozent.

Das Phänomen zeigt sich auch hierzulande. Die Genfer Bank Pictet hat nachgerechnet, wie es in der Schweiz aussieht: Die Aktienkurse sind in den letzten 89 Jahren im Schnitt um 9,8 Prozent pro Jahr oder um 0,8 Prozent pro Monat gestiegen. In drei Monaten war die Performance im Durchschnitt aber jeweils negativ: Im März, im Mai und im September. In der Periode von April bis Oktober lag meist nur wenig drin. Konkret ergeben sich für den Schweizer Aktienindex SPI im Zeitraum 1988 bis 2014 folgende Resultate. Einer durchschnittlichen Performance von 8,5 Prozent (Strategie «November bis April») steht eine solche von gerademal 1 Prozent (Strategie «Mai bis Oktober») gegenüber.

Bonuszahlungen wirken im neuen Jahr

Die Performance-Unterschiede zwischen Sommer und Winter haben sich trotz der zunehmenden Professionalisierung der Finanzindustrie in den letzten Jahren nicht etwa eingeebnet, sondern noch verstärkt. Die Pictet-Experten nennen dafür verschiedene Gründe. Auf den Dezember- und Januareffekt wirken beispielsweise Bonuszahlungen, 13. Monatslöhne und Gewinnverschiebungen ins neue Jahr. Auch die Tatsache, dass viele Pensionskassen und institutionelle Anleger Ende und Anfang Jahr die grössten Mittel anzulegen haben, wirkt sich darauf aus, ebenso wie steuerlich bedingte Geldverschiebungen.

Jean-Evrard Dominicé, Leiter der Londoner Beauregard Capital, hat eine noch plausiblere Begründung. Theoretisch müssten sich solche Unterschiede – oder in Börsianer-Sprache Marktineffizienzen – ja einebnen, sobald sie bekannt sind. Es gebe aber Ineffizienzen, die sich gerade aus dem rationalen Verhalten der Marktakteure ergäben, erklärt Dominicé: «Genau das ist mit der Saisonalität der Fall: Rationale Investoren nehmen am Anfang des Jahres mehr Risiko auf sich, um die angestrebten Renditeziele zu erreichen, und reduzieren das Risiko dann im Laufe des Jahres, sobald sie ihre Performance-Ziele erreicht haben.»

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«Halloween-Effekt» stetig verstärkt

Für einen professionellen Vermögensverwalter, der Aktiven von Dritten betreue, mache dieses Verhalten noch mehr Sinn: «Für ihn geht es nicht nur um Anlageziele, sondern auch um seine Karriere.» Habe der Vermögensverwalter die Ziele seiner Klienten im Laufe des Jahres erreicht, gebe es für ihn keinen Grund mehr, weiterhin riskante Anlagen zu halten und so vielleicht die ganze Performance zu verlieren. Mit der steigenden Anzahl externer Berater habe sich die Saisonalität noch verstärkt.

«Immer mehr Investoren haben den gleichen Anreiz, im Januar Risiken einzugehen, um den Referenzindex zu schlagen oder ihr Renditeziel zu erreichen, und sie später zu reduzieren», sagt Dominicé. Studien bestätigen dies: Tatsächlich hat sich der «Halloween-Effekt» in den letzten 50 Jahren stetig verstärkt – vor allem in den entwickelten Ländern. Diese Zusammenhänge sollten den momentan nicht eben verwöhnten Aktienliebhabern Mut machen. Umso mehr, als die Chancen für eine kräftige Winterrally nicht nur aus saisonalen Gründen gut stehen.

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Jahresendrally wahrscheinlich

Markttechniker Christoph Geyer zeigt sich jedenfalls sehr zuversichtlich: «Für einen freundlichen, vielleicht sogar goldenen Herbst sollte das Feld bestellt sein.» Auch fundamental argumentierende Marktanalysten rechnen mehrheitlich mit höheren Kursen bis Ende Jahr. Daniel Egger, Anlagechef von Maerki Baumann & Co., hält sogar eine Jahresendrally für wahrscheinlich. Zudem hat das Gros der Investoren in den letzten Monaten passiv an der Seitenlinie abgewartet und wird bald zum Handeln gezwungen sein.

Ein Blick in die Statistiken der Schweizerischen Nationalbank bestätigt diese These: Die in Geldmarktpapieren sowie auf Spar- und Sichtgeldkonten gebunkerten Mittel liegen mit 900 Milliarden Franken nur leicht unter dem im Mai erreichten absoluten Rekordstand von 920 Milliarden. In den restlichen Wochen des laufenden Jahres werden also gerade institutionelle Anleger mehr Risiken eingehen müssen, wenn sie es schaffen wollen, auf die angestrebten Renditen zu kommen.

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