Für Investoren führt derzeit kein Weg an der Griechenland-Frage vorbei. Die Börsenindizes folgen der Entwicklung im Schuldenstreit. Anfang der Woche stiegen die Kurse der Hoffnung auf eine Einigung entsprechend. Ende Woche gaben sie die Gewinne wieder ab, als klar wurde, dass vorerst keine Einigung erzielt wird. Und auch das neue Hilfsprogramm, das die Gläubiger heute vorgeschlagen haben, ist noch längst nicht in trockenen Tüchern.

Schaut man auf die Börsen in dieser Woche, hat die Schuldenkrise die Anlegerstimmung in Europa wieder im Griff. Eine Zeit lang schien es, als sei diese politische Unsicherheit einkalkuliert. «Die griechische Tragödie wird seit so langer Zeit gespielt, da mag keine Entwicklung wirklich noch überraschen», sagte der Anlagechef des Vermögensberater Kames Capital jüngst. Kann die Griechen-Krise also doch schwerwiegende Erschütterungen am Markt auslösen?

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Die komplette Sicht fehlt

«Das Problem ist, dass wir nie eine komplette Sicht haben», sagt Christina Böck, Chief Investment Officer bei AXA Investment Managers Schweiz, anlässlich ihres aktuellen Marktausblicks. «Der IWF könnte beispielsweise die Information zwei Monate zurückhalten, sollte Griechenland am 30. Juni den fälligen Kredit nicht zurückzahlen», so Böck. Die aktuelle Ungewissheit wird also noch länger andauern. Im Moment sind noch alle Szenarien für Griechenland offen: vom weiteren «Durchwursteln» Griechenlands bis zum chaotischen «Grexit».

Böck geht davon aus, dass ein Austritt Griechenlands aus der EU zu einem hohen Risiko an den Märkten führen würde. Insbesondere, weil die amerikanische Zentralbank Fed dann ihren Zinsanstieg verschieben dürfte. Selbst wenn Griechenland «nur» aus der Währungsunion austritt, aber in der EU bleibt, «wird es heftig schütteln», so Böck.

Keine Sogwirkung auf andere Länder

Die grosse Frage ist, welche Auswirkungen ein «Grexit» auf andere EU-Staaten, insbesondere Spanien oder Portugal, hätte. Käme es zur gefürchteten Sogwirkung? Doch hier beruhigt die Axa-Strategin: «Mit dem QE verfügt die Europäische Zentralbank über ein gutes Mittel, um die Lage stabil zu halten.» Denn tritt Griechenland tatsächlich aus der EU aus, könnte sie die Staatsanleihenkäufe dort sofort stoppen und stattdessen andere Krisenländer gezielt stützen.

Für die Schweiz haben Konjunkturforscher vom BAK Basel ein mögliches Szenario bei einem «Grexit» entworfen. Demnach würde das Schweizer BIP 2015 um 0,9 Prozent zurückgehen, statt wie aktuell vorausgesagt wachsen. Für 2016 sähe BAK Basel gar eine langanhaltende und tiefe Rezession. Das wären also starke Auswirkungen.

Kurzfristig absichern und langfristig investieren

Welche Optionen bleibt für Anleger? «Investoren sollten sich kurzfristig absichern, da nicht klar ist, ob die Märkte die griechische Krise schon vollends eingepreist haben», rät Böck. Eines ist aber wichtig: Statt in Hysterie zu verfallen, setzt sie auf langfristige Anlagen. Allerdings ist gerade das einfacher gesagt als gemacht. Denn wegen des Unsicherheitsfaktors Griechenland gehen Anleger derzeit keine Investments ein. Ohne diesen Einfluss würden Aktien aus Europa die Chance auf Teilnahme an einer sich verbreiternden Konjunkturerholung samt Gewinnwachstum bieten.

Das Thema Griechenland kette die Märkte derzeit geradezu fest, sagte Investmentchef Teis Knuthsen von der Vermögensverwaltung der Saxo Bank: «Wir hätten ansonsten an den Aktienmärkten in Europa eine Party.»

Schweizer Markt hatte Hoffnung auf Besserung

Den Schweizer Markt haben die letzten Monate vor allem die Folgen des Mindestkurs-Endes beschäftigt. Eigentlich standen die Zeichen aber auf Besserung, Griechenland hat in dieser Woche allerdings auch belastet. Und eines ist zu befürchten: Eine Verlängerung der Gnadenfrist für die Griechen mag dem Land Luft verschaffen. Andererseits bedeutet es aber auch, dass die Hängepartie über Monate in die Verlängerung geht und die Unsicherheit die Märkte belasten kann.