Yanis Varoufakis macht sich keine Illusionen mehr. In einem Fernsehinterview in Amerika befand der bekannte Ökonom, die EU könne seine Heimat nicht mehr reparieren. Erst müsse die Union die eigene Zukunft organisieren − erst dann könne Griechenland dem Morast entkommen.

Der EU-Gipfel vom 28. Juni ist ein solcher Moment der Selbstfindung. Er soll der Staatengemeinschaft Wege aus der Krise aufzeigen. Viele Finanzexperten sind aber skeptisch, ob der Gipfel eine Lösung bringt. Die Experten der Zürcher Kantonalbank sind pessimistisch. «Das Risiko, dass die Finanzmärkte enttäuscht werden, ist grösser als die Chance einer positiven Überraschung», schreiben sie. Derweil häufen sich die schlechten Nachrichten. Spanien musste bei den EU-Partnern um Hilfe für den angeschlagenen Bankensektor betteln. Nun hat sich Zypern als fünftes Mitgliedsland unter den EU-Rettungsschirm geflüchtet.

Drei Szenarien

Das geht auch an der Börse nicht spurlos vorbei. Der Schweizer Leitindex SMI befindet sich im Sinkflug und notiert wieder unter der psychologisch bedeutsamen 6000-Punkte-Marke. Auch wichtige Stimmungsindikatoren trüben sich ein. So ging etwa der ZEW-Konjunkturindex der Credit Suisse im Juni so stark zurück wie beim Kollaps der Investment Bank Lehman Brothers. Auch vergleichbare Indikatoren aus Deutschland und den USA gaben zuletzt nach. In den Vereinigten Staaten mehren sich vor der Berichtssaison Gewinnwarnungen, und zu allem Übel kühlt sich Chinas Wirtschaft stärker als erwartet ab. Es scheinen dunkle Zeiten für Anleger anzubrechen (siehe «Geldfrage»).

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Bei der Bank Pictet erachtet man es daher als unumgänglich, sich auf alle möglichen Entwicklungen der Euro-Krise vorzubereiten, um dann beim Eintreten eines bestimmten Szenarios schnell handeln zu können. Die Experten der Genfer Privatbank skizzieren drei Varianten: Die Bildung einer europäischen Fiskalunion mit einer einheitlichen Haushaltspolitik, das Ende der Euro-Zone − oder ein mühsames Weiterwursteln wie bisher.

Aus jedem Szenario ergeben sich für Anleger Konsequenzen. Wird die Umstrukturierung weiter aufgeschoben, sollten Anleger auf die stärksten Exporteure der Kern-EU setzen, Anlagen aus der Euro-Peripherie abstossen und deutsche Bundesanleihen kaufen. Käme hingegen tatsächlich eine europäische Fiskalunion zustande, müssten Investoren die Staatsanleihen der nördlichen Nachbarn abstos­sen und Investments aus den Peripherie-Staaten des Süden zukaufen, empfiehlt die Privatbank.

Auch um eine Lösung für das Horror­szenario eines Auseinanderbrechens des Euro-Raums sind die Pictet-Analysten nicht verlegen. Sie raten, in diesem extremen Fall auf deutsche Bundesanleihen und Devisen der Kern-EU zu setzen. Interessant könnten zudem Aktien aus der EU-Peripherie werden, sobald deren Banken rekapitalisiert seien.

Bei der Credit Suisse wiederum gehen die Experten davon aus, dass die Krise glimpflich ablaufen wird. Europa befände sich bereits auf dem Weg der Erholung – wenn auch in einem frustrierend langsamen Tempo. Der Grossbank zufolge ist die derzeitige Konsolidierung an den Märkten sogar als Kaufgelegenheit zu sehen – solange die Unternehmen einen geringen Bezug zu Europa haben.

Auch für den unabhängigen Vermögensberater Christof Strässle gehören Aktien weiterhin ins Depot, obwohl sie in den letzten Monaten kaum Gewinne abwarfen. «Aktien schützen nicht vor Verlusten, helfen aber dank ihrem Realwertcharakter über die Zeit», sagt der Vermögensberater.

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Viel Bargeld

Investments in globale Marktführer zahlen sich aus. Unternehmen wie Nestlé oder Royal Dutch Shell können auch schwere Krisen überstehen. Solche Aktien werfen zudem meist eine gute Dividende ab. Strässle empfiehlt derzeit vorab Anlagen in nichtzyklische Konsumgüter oder Aktien aus dem Lifestyle-Segment und der Gesundheitsbranche.

Hingegen sollten Anleger generell Titel aus dem Finanz- und Versicherungssektor meiden. Bei diesen würden die Risiken die Chancen bei weitem überwiegen, findet Strässle. Neben einem Anteil an Aktien und Obligationen rät Strässle ausserdem, eine hohe Cash-Quote zu halten. «Bargeld erhöht die Handlungsfähigkeit.» Da sowohl die Inflation als auch die Zinsen tief sind – und sie laut der Schweizerischen Nationalbank auch mittelfristig tief bleiben werden – hält sich der Wertverlust in Grenzen.

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In solch unsicheren Zeiten ist das für viele Marktteilnehmer schon fast ein beruhigender Gedanke.