Alle Augen richten sich auf die griechischen Neuwahlen nächsten Sonntag. Wie positionieren Sie sich im Vorfeld?
John Taylor: Das Ergebnis ändert höchstens etwas am Verlauf in den nächsten zwei bis drei Wochen. Die Wahlen sind völlig unerheblich. Im Resultat verlässt Griechenland so oder so den Euro. Werden die Linksparteien gewählt, steigt Griechenland binnen zwei Wochen aus dem Euro aus. Gewinnt Antonis Samaras, gibt es Nachverhandlungen und wir geraten erneut in eine unmögliche Situation. Meiner Meinung nach passiert Folgendes: Die gemässigten Parteien gewinnen. Erleichterung: Der Euro steigt. Aber schon am ­­26. Juni kommt das EU-Mitgliedstreffen. Und weil alles doch nicht so schlimm kam, ringen die sich nicht durch, die nötigen drastischen Massnahmen zu ergreifen. Deshalb muss man den Euro verkaufen.

Was erwarten Sie für das Treffen in zwei Wochen?
Nach dem Hilfspaket für Spanien denken die Europäer wahrscheinlich wieder, dass das nun ausreicht – nur um später das Gegenteil festzustellen. 100 Milliarden reichen gerade einmal, um die Verluste der spanischen Banken dieses Jahr aufzufangen. Aber inzwischen kaufen ja auch nur noch die spanischen Banken die neuen spanischen Anleihen. Niemand kauft ein Papier für 100 Euro, wenn er erwartet, nur 60 oder 20 Euro zurückzubekommen.

Haben wir einen Krisensommer vor uns?
Zwischen Juli und September wird es fürchterlich, sowohl an den Aktienmärkten wie auch für den Euro. Meine Prognose ist, dass der Euro fallen wird, vielleicht sogar bis auf die Parität von 1:1 zum Dollar. Ich weiss, dass ich Ihnen das schon vor zwei Jahren sagte und Unrecht behielt. Trotzdem gibt es keinen Grund, warum das nicht eintreffen sollte. Schon 2002 stand der Euro für ein Jahr bei 0.90 Dollar.

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Was passiert dann mit dem Franken? Kann die Schweizerische Nationalbank den ­Mindestkurs aufrechterhalten?
Für die SNB wird es interessant – der Druck steigt. Ihr Land wird gerade überschwemmt mit Einzahlungen aus den Banksystemen der Nachbarländer – Italien, Frankreich, aber auch Griechenland und Portugal. In Deutschland wird ja schon diskutiert, ob eine Einlage auf einem deutschen Konto von jemandem mit griechischer Adresse überhaupt deutsch und damit einlagengesichert ist. Seien Sie froh, dass Sie Schweizer sind!

Die Geldschwemme ist dramatisch.
Bargeld wird wie Kokain behandelt. Man bezahlt schweizerische Staatsbürger, die heimlich Koffer mit Franken ins Ausland bringen. Genau wie Drogenkuriere! Im Mai ging die Kapitaleinfuhr in die Schweiz hoch auf 66 Milliarden Franken – 54 Milliarden davon sind Geld, das in die Schweiz flieht. Das war der drittgrösste Geldtransfer der Geschichte – der zweitgrösste geschah im letzten August.

Wie kann die SNB den Druck parieren?
Natürlich währt die Anbindung nicht ewig, aber die Hoffnung, dass dies eine vor­übergehende Massnahme ist, erscheint ein bisschen naiv. Die Schweizer können sich sehr gut schützen. Die Politik der SNB besagt, dass sie nur Papiere mit Rating AAA kaufen kann – kurze deutsche und amerikanische Staatsanleihen, vielleicht noch französische. Das kann gut für die Schweizer ausgehen, denn wenn der Euro auseinanderbricht, haben sie ihr Geld in sicheren Märkten. Steigt der Euro, steigt der Franken mit ihm. Wird der Euro schwach, geht es zumindest den Dollar-Anlagen noch gut. Im Ernst: Der Mindestkurs von 1.20 Franken kann sich als genialer Schachzug für die Schweizer erweisen. Manche bereuen vielleicht, dass sie ihn nicht gleich bei 1.30 Euro festlegten – aber man kann nicht alles haben. Einzig, wenn der Euro gegenüber dem Dollar extrem steigen sollte, könnte es Probleme geben, weil die SNB dann hohe Verluste schreibt. Dann macht die SVP Ärger.

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Mit welchen Massnahmen kann die Schweiz den Mindestkurs einhalten?
Die Schwemme in die Schweiz erinnert mich an die Zeit Ende der 1930er-Jahre, als Liberale und Juden aus Deutschland und Österreich in die Schweiz flüchteten und die Bevölkerung der Schweiz in fünf Jahren um 40 Prozent anschwoll. Das Land musste schliesslich seine Grenzen schlies­sen. Wahrscheinlich sollte die Schweiz eine Steuer auf Bankeinlagen von 3 oder 4 Prozent einführen, um die Kapitalflüchtlinge abzuschrecken.

Was macht den Franken so attraktiv?
Norwegen und Schweden wollen das Geld auch nicht, dazu ist deren Bankensystem nicht so ausgebaut. Australien und Kanada sind weit weg, ausserdem hängen ihre Währungen stark von Rohstoffen ab, deren Preise in Krisenzeiten einbrechen. Singapur wäre eine echte Alternative, aber das ist viel zu weit weg. Die Leute haben ihr Geld gern in der Nähe.

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Und was wäre, wenn die Schweiz einfach den Euro einführen würde?
Das wäre der reine Wahnsinn! Nicht nur dass es enorme Probleme mit der Volkspsyche auslösen würde. Die Schweiz hat ja jetzt schon Probleme mit der Inflation – das kann man an den Immobilienpreisen erkennen. Warum sollte sie Teil dieses Konstrukts sein wollen?

Kaum ein Land hat es je geschafft, den Kurs seiner Währung langfristig zu steuern, denken Sie an das britische Pfund 1992, an ­Korea oder an Argentinien.
Natürlich ist der Mindestkurs eine Art von Manipulation, aber das ist der Euro schliesslich auch.

Inwiefern?
Man muss davon ausgehen, dass die meisten wussten, dass der Euro eine Missgeburt ist. Aber sie haben ihn trotzdem durchgezogen, in der Hoffnung, dass man die kommenden Probleme schon meistern könne. Das war die reine Selbstüberschätzung. Alle Ökonomen hatten gewarnt. Jetzt sucht Angela Merkel nach einem vernünftigen Ausweg. Ich bin total beeindruckt von ihr. Sie sucht über ihre eigenen persönlichen Interessen hinaus die fiskalische Einheit von Europa und will Macht nach Brüssel verlagern.

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Was halten Sie von dem neuen EZB-Chef Mario Draghi? Hilft er der Sache?

Taylor: Im Vergleich zu Jean-Claude Trichet ist Draghi fantastisch, aber als Chef der EZB kann er nicht sehr viel kontrollieren. Am Ende sind es die nationalen Zen­tralbanken, die selbstständig Geld schaffen, indem sie es an ihre Banken leihen.

In Europa tobt ein Richtungsstreit. Die einen wollen sparen die, anderen expandieren. Was meinen Sie?
Gerade weil der amerikanische Notenbankchef Ben Bernanke ein Experte in Sachen Depression und Einfluss der Geldpolitik ist, will er nicht den alten Fehler wiederholen, zu wenig Geld zu drucken. Er hält den Dollar niedrig, weil er denkt, dass Europa einen fürchterlichen Fehler begeht. Doch er täuscht sich, wenn er glaubt, dass es einfach sein wird, das viele Geld wieder aus dem Umlauf zu ziehen, ohne der Wirtschaft einen Schock zu versetzen. Deutschland dagegen machte Erfahrungen mit der Hyperinflation.

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Sind dies besonders gute Zeiten für einen ­Deviseninvestor?
Von wegen. Es ist extrem schwie­rig. Das liegt daran, dass die Regierungen ständig die Spielregeln ändern. Sie greifen so stark in die Märkte ein, dass analytische Systeme nicht mehr funktionieren. Zum Beispiel spuckt unser Modell seit 2008 aus, dass der Euro 48 Prozent niedriger stehen sollte. Unter Händlern gibt es inzwischen einen Witz: Ist die Si­tuation in Europa schlecht, dann verkaufe! Ist die Situation wirklich schlecht, dann kaufe! Es ist einfach schwer, die Kursbewegungen logisch zu erklären.

Wie schlägt sich denn Ihr Hedgefonds in den volatilen Märkten?
Wir sind wie eine Maus, die sich verstecken muss, weil alle hinter ihr her sind. Sie versuchen uns zu fangen, weil wir die Einzigen sind, die noch rational handeln. 2011 war fürchterlich. Wir verloren 17 Prozent. Das war der dritte Verlust in unserer 24-jährigen Geschichte. Nur 1994 haben wir schon einmal 17 Prozent verloren, das andere Mal waren es 2 Prozent. In diesem Jahr läuft es besser.

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Was nervt Sie besonders?
Dass alles von Europa abhängt. Unser Analyst in China meldete mir zum Beispiel eben, dass die Chinesen kein Geld mehr in Europa investieren wollen, weil die EU-Politiker sich nicht verantwortungsvoll verhielten. Das bringt unsere gesamte Prognose durcheinander. China pumpte in den letzten zwei Jahren erheblich viel Geld in den Euro. Fällt das weg, setzt das den Euro massiv unter Druck. Anderseits scheint Barack Obamas Präsidentschaft davon abzuhängen, ob Ber­nan­ke eine dritte Runde quantitativer Lockerung durchzieht.

Wie geht es bis zum Jahresende weiter?
Ich erwarte, dass der Yen Mitte des Jahres wegen der Euro-Krise anzieht. In den USA können die Zinsen für zehnjährige Staatsanleihen auf 1 Prozent fallen – es wird eine Menge Geld gedruckt werden. Zum Jahresende aber, wenn die Krise hinter uns liegt, wird der Yen wieder nachgeben. 2013 kann dann ein tolles Jahr werden, in dem die Aktien steigen und der Dollar fällt. 2014 und 2015 allerdings wird man einen deutlichen Anstieg der Infla­tion spüren, dann kommt die Stunde der Wahrheit. Alle ausser den Reichen werden darunter extrem zu leiden haben.

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Was raten Sie den Leuten? Gold?
Ja, wirklich. Vielleicht wird Gold in den kommenden Monaten etwas fallen, aber ich glaube, zu 1300 Dollar ist das Edelmetall ein echtes Schnäppchen.

Wird der Euro überleben?
Da kann man höchstens Wetten eingehen. Wenn ich wetten sollte, würde ich sagen, dass es wahrscheinlicher ist, dass wir den Euro weiter haben werden. Unklar ist, was die Märkte machen, bis man das sicher sagen kann. Merkel wuchs im Kommunismus auf. Da gab es für das Finanzwesen keinen Platz. Als Person ist sie sehr gesammelt, aber was die Finanz­welt angeht, ist sie naiv. Sie versteht nicht, dass man den Markt nicht fesseln kann.

 

Der Mensch

Name: John Taylor

Funktion: Gründer und Leiter des Hedgefonds FX Concepts

Alter: 68

Karriere
John Taylor wuchs in Long Island auf. In seiner Jugend lebte er auch ein Jahr als Internatsschüler in Montagnola TI. Später studierte er Politologie an der Eliteuni Princetonund begann zuerst bei der Chemical Bank im Devisenhandel zu arbeiten. Später wechselte er in den gleichen Bereich der Citibank.

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Das Unternehmen
1981 gründete Taylor den Devisen-Hedgefonds FX Concepts, der heute der grössteseiner Art auf der Welt ist. Er ver­waltet inzwischen rund 3,6 Milliarden Dollar an Kundengeldern.