Normalerweise liegt die Einladung für die nächste Sitzung mehrere Wochen im Voraus in der Post. Diesmal war für die Aufsichtsräte der Deutschen Börse alles ganz anders. Erst wenige Tage zuvor hatten sie von der bevorstehenden ausserordentlichen Sitzung erfahren. Sie sollte telefonisch stattfinden, denn in dieser kurzen Zeit war es nicht mehr zu schaffen, alle Mitglieder an einen Tisch zu holen.

Die Telefonkonferenz begann vergangenen Dienstag Punkt 12 Uhr. Das Traktandum war brisant. Es ging um die 100-prozentige Übernahme der Derivatebörse Eurex durch die Deutsche Börse, die bislang nur 50 Prozent hielt. Nach zähen Geheimverhandlungen war die Schweizer Börsenbetreiberin SIX Group bereit gewesen, ihren 50-Prozent-Anteil an Europas grösster Derivatbörse zu verkaufen. Die Aufsichtsräte stimmten dem Erwerb dieses Pakets schnell zu.
Am Ende feilschten die Juristen nur noch um exakte Formulierungen und sorgten für eine stundenlange Verzögerung.

Eurex wächst in neue Dimensionen

Die Transaktion soll per Anfang 2012 vollzogen sein. Damit wird ein Schlussstrich unter das Joint Venture von SIX und Deutscher Börse gezogen, das 1996 hoch über dem Vierwaldstättersee mit Gesprächen auf dem Bürgenstock seinen Anfang genommen hatte. Im Laufe der Jahre habe sich die ursprünglich unternehmerische Zusammenarbeit aus Schweizer Sicht immer mehr in Richtung einer reinen Finanzbeteiligung entwickelt, heisst es am Sitz der SIX Group in Zürich. Zudem, sagen Branchenkenner, hätten sich die Entscheidungsprozesse in der komplexen Schweizer Börsenorganisation als zu schwerfällig erwiesen, um mit der Dynamik der globalen Derivatmärkte Schritt zu halten. Freimütig erklärt Reto Francioni, Chef der Deutschen Börse: «Die Übernahme der Eurex zu 100 Prozent vereinfacht die Strukturen von Management und Aufsichtsrat.»

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Vorteile ergeben sich vor allem im Hinblick auf die laufende Fusion von Deutscher Börse und Nyse Euronext: Mit der Nyse Liffe zusammen soll nämlich die Eurex die weltgrösste Derivatbörse bilden, und sie wird mit rund 45 Prozent Anteil am Betriebsergebnis der künftigen transatlantischen «Superbörse» die wichtigste Konzernsparte bilden. Dass sie dazu den Weg frei macht, dafür lässt sich die SIX Group vergolden. So erhält sie für ihre Eurex-Beteiligung 590 Millionen Euro, je hälftig als Barzahlung und in Aktien der neuen Dachholding, die aus der Fusion von Deutscher Börse und Nyse Euronext hervorgehen wird. Das entspricht einer Beteiligung von rund 5 Prozent an der neuen Gesellschaft – die SIX rückt damit zur strategischen Investorin auf.

Ein Schweizer Sitz im Verwaltungsrat der neuen Holding scheint jedoch noch kein Thema zu sein. «Die Zusammensetzung des künftigen Verwaltungsrats der neuen Holdinggesellschaft wurde nicht diskutiert», erklärt Francioni gegenüber der «Handelszeitung».

Die Idee des Schweizer Ausstiegs bei der Eurex sei nicht neu, so Francioni weiter. «Den Eurex-Anteil unseres Partners, der Schweizer Börse, zu übernehmen, wurde schon vor zwei Jahren erstmals diskutiert. Damals ergab sich kein Ergebnis.» Francioni hat beharrlich weiter verhandelt – es kam zu geheimen Treffen mit dem SIX-Präsidenten Peter Gomez in der Anonymität des Zürcher Flughafens, aber auch in der Verschwiegenheit des Zürcher Clubs Baur au Lac, wo Börsenchef Francioni Mitglied ist.

Kommt das Wiener Modell?

Und dort, zwischen üppigen Clubsesseln, wurden bereits weitergehende Szenarien entworfen. Neben der Eurex besitzen die Deutsche Börse und die SIX Group nämlich noch zwei weitere hälftig gehaltene Joint Ventures. Zum einen ist dies der Finanzdatenanbieter Stoxx und zum anderen die Scoach, Europas grösste Börse für strukturierte Produkte. «Unser Anteil an Stoxx und Scoach ist von dieser Vereinbarung nicht betroffen», sagt Francioni. Doch Insider wissen: Die Deutschen wären offen, auch Scoach und Stoxx komplett zu übernehmen. Vor allem für Stoxx bestehen grosse Visionen. Der Finanzdatenlieferant soll seinen bislang paneuropäischen Fokus öffnen und ins globale Geschäft diversifizieren – und dank dem Zusammengehen mit Nyse Euronext zur Nummer eins vor dem bisherigen Marktleader MSCI aufrücken.

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Doch Francioni will solche Ziele nicht gegen den Willen der SIX durchsetzen. Selber Schweizer Bürger, kennt er die helvetischen Befindlichkeiten und die Abwehrreflexe gegenüber dem grossen Nachbarn im Norden. Sein Fingerspitzengefühl dürfte ihm aber helfen, die SIX schliesslich noch näher an die Deutsche Börse zu holen.
So könnte in ein paar Jahren, wenn die Schweizer Börsenplattform abgelöst werden muss, ein Modell zur Anwendung kommen, das bereits seit über einem Jahrzehnt bei der Wiener Börse und der Irish Stock Exchange bestens funktioniert: Die beiden Aktienmärkte laufen zwar mit der Technik der Deutschen Börse, haben sich aber ihre rechtliche und organisatorische Unabhängigkeit bewahrt.

Alles andere als eine eigenständige, von ausländischen Aufsichtsbehörden unabhängige Börse ist für den Schweizer Finanzplatz politisch undenkbar. Vor allem würden wohl auch die Schweizer Banken als Eigentümer der SIX Group keine Hand zu deren Veräusserung bieten. Das weiss Francioni aus eigener Erfahrung. Sein Vorgänger Werner G. Seifert biss sich 2004 die Zähne aus, als er die Schweizer Börse übernehmen wollte – diese wurde damals von Francioni als Verwaltungsratspräsident geleitet. Francioni kennt somit die Finanzmärkte beider Länder aus dem Effeff und ist überzeugt, dass die Schweiz «der natürliche Partner der Deutschen Börse» sei.

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Doch seine Visionen zielen weit über Europa hinaus. Der designierte Präsident der neuen Holding von Deutscher Börse und Nyse Euronext flog unmittelbar nach der Aufsichtsratssitzung zur zweitägigen Investorenkonferenz von Sandler O’Neill nach New York.

Die neue Superbörse

Annäherung
Mitte Februar unterzeichnen die Deutsche Börse und die amerikanische Nyse Euronext eine Absichtserklärung zur Fusion. An der neuen Holding sollen die Deutschen 60 Prozent halten, Nyse Euronext 40.

Schweizer schalten sich ein
Mitte letzten März bestätigt die SIX Group Gespräche mit der Deutschen Börse über die Zukunft der Joint Ventures Eurex, Scoach und Stoxx.

Gegenoffensive
Die beiden US-Börsen Nasdaq-OMX und ICE künden Anfang April ebenfalls eine Offerte für Nyse Euronext an. Der Aufsichtsrat von Nyse Euronext lehnt die Gegenofferte ab.

Deal mit der SIX
Am 7. Juni beschliesst die Deutsche Börse, den 50-Prozent-Anteil der SIX an der Eurex zu übernehmen und die Schweizer an der neuen Börse zu beteiligen.

Frist läuft ab
Am 13. Juli endet das Übernahmeangebot der Deutschen Börse für Nyse Euronext.

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Zustimmung
Bis Ende 2011 sollen die Aufsichtsbehörden grünes Licht für die Fusion geben.