Wer sich in den vergangenen Wochen in den Börsenkommentaren über das Tagesgeschehen schlau machen wollte, stiess zwangsläufig auf fast gebetsmühlenartig wiederholte Formulierungen: «Dünne Nachrichtenlage, fehlende Impulse, lustlose Anleger.» Diese Zeit ist mit Beginn der «Reporting Season», also der Publikation der Halbjahreszahlen, definitiv vorbei.

Jetzt wird sich zeigen, ob die Erwartungshaltung der Anleger zu hoch und folglich der Moment für eine Korrektur an den Aktienmärkten gekommen ist. Die aktuelle Umfrage unter den Leserinnen und Lesern von handelszeitung.ch ist eine geradezu exemplarische Momentaufnahme: Gut 30 Prozent rechnen mit vorwiegend guten Resultaten. Knapp 30 Prozent gehen von diversen Enttäuschungen aus – und die restlichen rund 40 Prozent prognostizieren ein durchmischtes Bild.

Zeitlich falsche Warnrufe

Seit Monaten warnen Experten, darunter auch die mit ihrer expansiven Geldpolitik das Börsen-Rallye «mitverursachende» Europäische Zentralbank, vor einem Kurseinbruch – stattgefunden hat dieser bisher nicht. Das lässt zwei mögliche Schlussfolgerungen zu: Die Warnungen waren schlicht falsch – oder die Gefahr hat sich weiter zugespitzt. Einer der vermeintlichen Crash-Propheten ist, einmal mehr, Marc Faber: Der in Hongkong lebende Schweizer spricht von einer kolossalen Asset-Blase, die im Begriff sei zu platzen. Im vergangenen Herbst sah «Mr. Doom» erhebliche Parallelen zu 1987, als der Dow-Jones-Index an einem einzigen Tag fast 23 Prozent an Wert verlor.

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Heute räumt Faber ein, zumindest zeitlich mit seinen Warnrufen in den vergangenen zwei Jahren falsch gelegen zu sein. Ein Grund dafür sei ein Denkfehler bei den Anlegern, die davon ausgehen, dass bei einem Weiterrattern der Notenbank-Gelddruckereien die Börsen nicht fallen könnten. Ein Argument, das unter anderem der Zürcher Vermögensverwalter Christoph Grüebler ins Feld führt: «Die Aktienmärkte dürften auch im zweiten Halbjahr 2014 von grosszügiger Geldversorgung zum Nulltarif und weiterhin stabilem Wirtschaftsumfeld ohne Inflationsrisiken profitieren.»  

Aktienrückkäufe und Fusionen treiben die Aktienkurse

Weniger rosig sieht US-Anlagestrategie Ed Yardeni die Situation: Zu den Rekordständen an den Aktienmärkten hätten primär nicht nur die Unternehmensergebnisse, sondern vor allem auch Aktienrückkauf-Programme und die Ankündigungen von Fusionen und Akquisitionen beigetragen. In einem Interview mit dem Fernsehsender CNBC sprach Yardeni davon, dass sich die Märkte wohl in der letzten Phase des Zyklus «Pessimismus-Skepsis-Optimismus-Euphorie» befänden.

«Es fühlt sich zwar nicht so an, als ob viele Anleger euphorisch wären – aber schauen Sie sich die Bewertungen an den Märkten an», sagte Yardeni. Um gleich wieder zu relativieren: Eine Wissenschaft sei dieses Vier-Phasen-Modell natürlich nicht. Rückendeckung erhält Yardeni zumindest aus dem Mund von US-Milliardär und Grossinvestor Carl Icahn: «Es ist an der Zeit, vorsichtig zu sein», wurde dieser vergangene in einem Interview zitiert. Eine möglicherweise nicht ganz uneigennützige Sicht der Dinge: Tiefere Kurse erlauben ihm weitere spektakuläre Einstiege.

KGV lässt Experten streiten

Auch wer die Bewertung als Massstab herbeizieht, kann sich derzeit kein abschliessendes Urteil bilden: Das sogenannte «Shiller P/E» (ein vom US-Ökonomen Robert J. Shiller entwickeltes Kurs/Gewinn-Verhältnis, das sich auf die Gewinnentwicklung während des vergangenen Jahrzehnts bezieht) liegt bei vielen Aktien aus dem S&P-500 deutlich über dem historischen Durchschnitt.

Nur vor 1929 und Ende der 1990er-Jahre – Stichwort Internetblase – wurde ein noch höherer Quotient gemessen. «Es fragt sich aber, ob das im neuen Anlageumfeld mit extrem tiefen Zinsen und fehlender Inflation noch der richtige Benchmark ist», kontert Grüebler in seinem aktuellen Anlagekommentar. Die in die Zukunft projizierten KGV-Werte würden nämlich keinen Extremwert anzeigen.

Faber sieht 30-prozentigen Einbruch

Dass sich auch die Schweizer Auguren alles andere als einig sind, zeigte sich Anfang Juni: Damals warnte der ehemalige UBS- und CS-Konzernchef Oswald Grübel vor dem «grössten Crash aller Zeiten» – begründete die Gefahr aber in erster Linie mit der zunehmenden Regulierung der Banken und der Politik der Zentralbanken. Eine Prognose, die Julius-Bär-Chefstratege Christian Gattiker weniger später als «nicht nachvollziehbar» bezeichnete.

Während sich gestandende Grössen, wie der emeritierte US-Wirtschaftsprofessor Doug Short («Phasen der Über- oder Unterbewertung können mehrere Jahre anhalten») nicht auf die Äste wagen oder – wie im Falle von Yardeni («Märkte könnten seitwärts laufen», «längerfristiger Bullenmarkt ist noch immer möglich») – selbst relativieren, wird Marc Faber gewohnt konkret: Um 30 Prozent würden die Aktienkurse einbrechen – gefolgt von einem Bärenmarkt. Die Schuldigen stehen für den gebürtigen Zürcher fest: Die US-Notenbank Fed zeige eine nie dagewesene Ansammlung von Inkompetenz.