Die letzte Finanzspritze der Europäischen Zentralbank hat die Börsen kaum bewegt. Immerhin verringerten sich die Risiko-prämien auf Anleihen von Banken und südeuropäischen Ländern. War die Aktion also ein Erfolg?
Stephanie Kretz: Das oberste Ziel des Tenders der Zentralbank war es ja, einen drohenden Kollaps des Bankensystems zu verhindern. Dieses Ziel wurde erreicht. Viele andere Probleme bleiben aber ungelöst.

Welche?
Die Aktion wird vermutlich weder nachhaltiges Wirtschaftswachstum schaffen noch die Arbeitslosigkeit verringern. Dagegen kann die aufgeblähte Bilanz der Zentralbank zu Hyperinflation, zu Vetrauensverlust gegenüber der Notenbank selber und zu Misstrauen gegenüber Papiergeld führen.

Das meiste Geld wurde von den Geldinstituten gleich wieder bei der Zentralbank hinterlegt. Wird die Rettung der Banken mit einer Kreditklemme für die Unternehmen erkauft?
Nein, die Gefahr eines grossflächigen Kreditengpasses konnte abgewandt werden. Aber es stimmt, die Banken ­behalten das Geld bei sich als eine Art Kriegskasse in diesen schwierigen Zeiten. Der Tender der Zentralbank ist demnach keine grosse Hilfe für die Realwirtschaft. Anderseits baut der Privatsektor derzeit ebenfalls Schulden ab, weshalb die Nachfrage nach Kredit sowieso eher gering ausfällt.

Ein weiterer Akt der europäischen Tragödie soll nun sein Ende finden: Es kommt zum Schuldenschnitt für Griechenland. Wird dieser die Wende zum Besseren bringen?
Wir rechnen nicht damit, dass der jüngste Entscheid die Schuldenkrise ­lösen wird. Wir sind auch skeptisch, ob es Griechenland selbst mit einem teilweisen Schuldenerlass gelingen wird, seine Verschuldungsrate bis im Jahr 2020 auf 120 Prozent des Bruttoinlandprodukts zu drücken. Zudem bleibt die Überschuldung anderer Euro-Zone-Mitglieder ungelöst. Portugal könnte Griechenland als Kandidat für einen Schuldenschnitt bald nachfolgen. Probleme bekommen aber auch Irland, Spanien und möglicher­weise Italien.

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Die Europäische Zentralbank hat also nicht zum letzten Mal eingegriffen. Weltweit sind die Bilanzen von Noten-banken massiv gewachsen. Wann ist damit Schluss?
Tatsächlich sind die Bilanzen der Notenbanken weltweit massiv gewachsen. Bei der Europäischen Zentralbank kletterte die Bilanzsumme seit dem Jahr 2006 von 14 auf 24 Prozent des Bruttoinlandprodukts der Union. Bei der Schweizerischen Nationalbank stieg die Rate in derselben Zeit von 23 Prozent auf 68 Prozent. Gleichzeitig lässt sich feststellen, dass die Qualität der von den Notenbanken erworbenen Wertschriften abnimmt. Es ist schwierig abzuschätzen, wann dieser Trend ein Ende finden könnte. Sicher wären bessere Wirtschaftsdaten ein erstes Anzeichen dafür, dass der Aktivismus der Notenbanken wieder abnimmt.

Bis dahin heizt das billige Geld die Vermögensinflation weiter an. Wie können Anleger ihre Investments schützen?
Wir empfehlen, einen Teil des Portefeuilles in Gold anzulegen. Das Edelmetall ist eine vorzügliche Absicherung gegen mögliche Bankkrisen, die ­Risiken wachsender Bilanzen bei den ­Notenbanken und Extremszenarien wie Hyperinflation oder Deflation.

Doch derzeit legen die Börsen wieder zu. Sollten Investoren da nicht mittun?
Solange der Aktivismus der Notenbanken und der dadurch getriebene Bullenmarkt anhält, sehen wir Chancen in europäischen Aktienwerten, aber auch in Anleihen, Währungen und Rohstoffen im Energiebereich. Und natürlich raten wir zum Kauf von Gold. Trotz allem empfehlen wir jedoch, sich gegen Kursverluste abzusichern und nur sehr diszipliniert zu verkaufen. Die Illusion, dass sich alle Probleme mit genug Zeit von selber lösen, ist der schlimmste Feind des Anlegers im heutigen Umfeld.