Es ist etwas absurd, wie derzeit Bewegungen an den Börsen kommentiert werden: Einmal sind tiefe Zinsen gut für Aktien, weil Alternativen fehlen – und handkehrum belasten tiefe Zinsen die Märkte, weil sie auf eine nach wie vor harzige konjunkturelle Entwicklung schliessen lassen. Ist das nicht vereinfacht gesagt ein Ausdruck der Ratlosigkeit der Anleger?
Alfred Ritter: Die Ratlosigkeit besteht auf politischer Seite. Der riesige Liquiditätszufluss durch die Notenbanken war nichts weiter als eine Beruhigungspille. Diese Politik des billigen Geldes war eine zeitlang in Ordnung – jetzt müsste diese Liquidität aber zurückgefahren werden. Und dabei wird man an den Aktienmärkten kurzfristig Schäden hinterlassen.

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Nur dort?
Bleiben die Zinsen noch lange künstlich tief, wird zudem auch im Bereich der langfristigen Vorsorge Schaden angerichtet.

Der Entwicklung der Aktienbörsen hat diese Liquiditätsschwemme zweifelsohne gut getan.
Die Politik hat mit ihrer Tiefzinspolitik die Anleger in diese risikoreichen Papiere gezwungen. Aber jeder Anleger muss entscheiden, ob er das will.

Hand aufs Herz: Gibt es Alternativen?
Wir sehen derzeit keine.

Das spricht für einen Jahresendspurt.
Beim SMI sehen wir bis zum Jahresende eine Bandbreite von 8400 bis 8600 Punkten, die wohl noch im November erreicht werden wird – also eine vorgezogene Weihnachtsrallye. Den Dezember sehen wir eher lustlos dahinterplätschern, sofern keine Hiobsbotschaften kommen.

Die wie heissen könnten?
Das könnte einerseits eine erneute Sackgasse bei den Gesprächen rund um die US-Verschuldung sein. Aber auch die europäischen Südländer bleiben im Fokus – allen voran Griechenland, das bis Jahresende neue Refinanzierungsanträge stellen könnte.

Mit welchen Aktien kann man die Jahresendrallye beschleunigen?
Die Big Caps sind ausgereizt, wir blicken in die zweite Reihe: Temenos, Phoenix Mecano, Kühne + Nagel oder Basilea. Die «Small & Mid Caps» werden wir auch mit Blick auf 2014 übergewichten.

Sind die Aktienmärkte nicht allmählich ausgereizt?
Wir gehen für 2014 beim SMI, aber auch für die europäischen Märkte, von einer Performance von 5 bis 10 Prozent aus. Gleichzeitig erwarten wir auf Unternehmensebene ein Gewinnwachstum von 7 bis 10 Prozent. Das ist nicht exorbitant, aber weiteres Potenzial ist vorhanden.

Gestützt werden die Märkte durch die erwähnte Geldschwemme – ein Ende scheint nicht in Sicht, im Gegenteil: Die EZB senkte die Leitzinsen auf ein Rekordtief. Wie überraschend kam die Begründung der Deflations-Vorsorge?
Das Wort «Deflation» wurde in erster Linie gewählt, um den Schritt zu bestärken – unser Szenario ist dies nicht. Wir gehen davon aus, dass Inflation in den kommenden zwei Jahren zum Thema wird.

Wann?
Bis Mitte 2014 sehen wir keine inflationären Tendenzen. Mittelfristig scheinen die Zentralbanken nicht abgeneigt, eine moderate Inflation zu akzeptieren. Vorerst wird alles unternommen, um die Bevölkerung zu beruhigen.

Dieser Beruhigungspille zum Trotz: Die Inflation wird kommen, schlaue Anleger schichten also in Gold um.
Wir behalten Gold als Versicherungsschutz in den Depots, sind damit im Moment aber nicht ganz glücklich. Bei Rückschlägen werden wir aber auch nicht zukaufen.

Auch nicht vor dem Hintergrund, dass die Aktienmärkte tendenziell ausgereizt sind?
Noch einmal: Inflationstendenzen sind derzeit überhaupt nicht zu erkennen. Vor ziemlich genau einem Jahr haben wir bei Gold einen Anstieg auf 1800 bis 2000 Dollar pro Unze prognostiziert – das hat sich überhaupt nicht erfüllt. Immerhin pendelt sich der Unzenpreis bei 1250 bis 1350 Dollar aktuell ein.

Mehr liegt nicht drin?
Wir sehen für die nächsten Monate 1400 bis maximal 1450 Dollar.