Gestern und heute war nicht mein Tag, vielleicht Zeit für eine Pause» – «Ich shorte die grösste Blase aller Zeiten»: In den einschlägigen Händlerforen gingen die Emotionen hoch, als der Silberpreis innert Tagen um 10 Prozent abstürzte. Und dies nicht nur, weil bei mehr als 20 Silber-Derivaten die Barrieren brachen und der Preiszerfall tiefe Lücken in die Anlageportefeuilles riss. Vielmehr zog das Edelmetall zahlreiche andere Rohstoffnotierungen mit sich in die Tiefe (siehe Grafik). Eine breite Korrektur, die für die allermeisten Marktteilnehmer aus heiterem Himmel zu kommen schien.
 

Keine Einbahnstrasse zum Gewinn

Was für eine Sorglosigkeit am Markt herrschte, zeigen die Statistiken der Commodity Futures Trading Commission. Die Behörde überwacht den Rohstoffhandel in den Vereinigten Staaten. Ihren Berechnungen zufolge hatten die Kaufpositionen von Finanzinvestoren bei den 16 meistgehandelten Rohstoffen kurz vor dem Sturz eine Summe von 140 Milliarden Dollar erreicht – so viel wie nie zuvor. Dies mag erklären, warum die Gegenreaktion so heftig ausgefallen ist.

Vorstellen konnten sich das selbst Profis nicht. «Wir schätzten, dass der Ölpreis auf 98 Dollar fallen könnte – aber nicht innert Stunden», sagt Sean Corrigan. Der Chefstratege der von Rohstoff-Guru Jim Rogers mitbegründeten Lausanner Diapason will jetzt erst einmal abwarten, was die nächsten Tage bringen. So viel weiss er aber schon jetzt: Wenn sich die Preise nicht rasch aufrappeln, droht eine längere Durststrecke.

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Das sind keine guten Nachrichten für Investoren. Denn in den letzten Monaten galten Rohstoffe als eine der sichersten Wetten am Finanzmarkt überhaupt. «Bei den Anlegern ist der Eindruck entstanden, Rohwaren seien eine Einbahnstrasse zum Gewinn», erklärt Corrigan. Das offenbart ein Blick auf die Entwicklung der Publikumsfonds. Gemäss dem Fondsanalysedienst Lipper stiegen die von Rohstofffonds in Europa verwalteten Vermögen von 27 Milliarden Euro im Dezember 2009 auf fast 45 Milliarden Euro im Februar dieses Jahres. Gefragt waren auch spezialisierte Vehikel, die sich direkt mit Rohwaren eindecken, statt nur mit Optionen vorliebzunehmen. So der BI Physical Commodity Fund von Basinvest. Die Zürcher Firma hat als Gegenwert für den Fonds 14 000 Tonnen an Kupfer, Nickel, Zink, Blei und anderen Industriemetallen in Depots eingelagert. «Wegen des Preissturzes haben diese Produkte nun Verluste erfahren», sagt Ronald Wildmann, Geschäftleiter von Basinvest. Wenigstens sei jetzt aber die Spekulation aus den Preisen draussen.

Doch ist sie das wirklich? «Die Trader sind natürlich emotional stark mit dem Auf und Ab beschäftigt, wie sich in unseren Diskussionsforen zeigt», sagt Martin Raab vom Derivatespezialisten Derivative Partners. Doch hinter den täglichen Kursschwankungen zeichnet sich bereit der nächste Trend für Rohstoffinvestments ab. Und dieser ist nicht mehr so günstig wie noch vor wenigen Tagen. Für Verunsicherung sorgen die Warnsignale aus dem ewig nach Rohstoffen gierenden Asien. In China etwa häufen sich Verlustmeldungen von Unternehmen. Noch mehr Furcht bereitet der Umstand, das in den USA das zweite Programm der quantitativen Lockerungen im Juni ausläuft. Damit steht die Ära des billigen Geldes vor ihrem vorläufigen Ende.

Kohle und Eisenerz

Da hilft es wenig, dass Rohstoffe generell eine «schwierige Anlageklasse» sind, wie Wildmann von Basinvest betont. Es gebe erfolgreiche, aber auch sehr schlechte Produkte. Kritisch betrachtet Wildmann gerade die grossen Rohstoffindizes, wie sie Goldman Sachs oder die UBS anbieten. Diese seien vor allem eine Wette auf Öl, da der Rohstoff stark gewichtet werde.

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Lohnender ist gemäss dem Rohstoffexperten dagegen der Blick auf Kohle und Eisenerz. Deren Preise sind in den letzten Tagen kaum eingebrochen – was insofern nicht verwundert, als Finanzinvestoren kaum Zugang zum Handel haben. Investiert werden kann hier nur indirekt über Aktien, etwa mit den Namen Rio Tinto, Vale und Fortesque bei Eisenerz sowie Xstrata, Teck Resources oder Walter Energy für Kohle. Corrigan von Diapason empfiehlt derweil Agrarrohstoffe. Ihre Preise hätten das meiste Überraschungspotenzial nach oben, da sich ein schwieriges Jahr für die Landwirtschaft abzeichne. Das gelte besonders für Mais und Weizen, wo die Vorräte heute knapp seien.

Nur geringe Aussichten auf eine Rückkehr zu alten Höchstwerten sieht Wildmann von Basinvest jedoch beim Silber. Was Mutige nicht davon abhält, schon wieder darauf zu setzen – so wie jener Anleger im Diskussionsforum der Derivateplattform payoff.ch. «Long ist verlockend – oder etwas Gehebeltes.»

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