Saudi-Arabien ist einer der grössten Ölproduzenten der Welt, hat die grösste Volkswirtschaft des Nahen Ostens und verfügt über die grösste Börse der Region. Diese gibt es sogar schon seit über 30 Jahren, wesentlich länger als in manchem der aufstrebenden Emirate der Nachbarschaft. Doch wie so vieles in dem Königreich war auch die Börse Ausländern bisher verschlossen. Nur heimische Anleger durften Aktien der saudischen Firmen erwerben.

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Doch nun macht das Land plötzlich eine Kehrtwende. Ab 15. Juni dürfen Ausländer ganz offiziell Aktien in Riad kaufen. Zunächst gilt das zwar innerhalb strenger Grenzen. Doch es dürfte nur der erste Schritt sein. Investoren stehen daher schon in den Startlöchern und wittern satte Gewinne. Allerdings ist es kein Zufall, dass die Saudis ausgerechnet jetzt, da der Ölpreis so tief steht, plötzlich um internationales Kapital buhlen. Und das sollte zur Vorsicht mahnen.

Riad überstrahlt die Konkurrenten

Es geht immerhin um einen Markt von fast 600 Milliarden Dollar. So viel sind die in Riad notierten Aktien wert. Damit ist die Börse mehr als drei Mal so gross wie jene in Katar, die bisher in der Region für ausländische Investoren die Nummer eins war. Abu Dhabi, Dubai, Kuwait oder Bahrain rangieren sogar noch weit dahinter. Künftig werden sie alle von Riad überstrahlt.

«Das ist bahnbrechend für die Region», jubelt daher beispielsweise Zak Hydari, Chef der Investmentbank EIIB Rasmala, die in Dubai beheimatet ist. Internationale Investoren würden Zugang zu einem der grössten und attraktivsten Wachstumsmärkte der Welt erhalten. Auch Ghadir Abu Leil-Cooper, Fondsmanager bei Barings für die Region des Nahen Ostens, sieht die Öffnung als einen «wichtigen Entwicklungsschritt, da er Unternehmen einen breiten Zugang zu den Märkten und Anlagechancen gewährt».

Investoren müssen 5 Milliarden Dollar verwalten

Dabei ist es bisher nur eine Liberalisierung in Trippelschritten. Denn zum einen dürfen erst einmal nur institutionelle Anleger saudische Aktien kaufen. Diese müssen mindestens fünf Milliarden Dollar an Vermögen verwalten und seit mehr als fünf Jahren im Geschäft sein, nur dann erhalten sie die Zulassung als sogenannter «Qualifizierter ausländischer Investor», abgekürzt QFI.

Zudem darf kein einzelner dieser Investoren über 5 Prozent eines Unternehmens besitzen, alle QFI zusammen nicht mehr als 20 Prozent und gemeinsam mit Investoren aus dem Bereich des Golf-Kooperationsrats darf die Marke von 49 Prozent nicht überschritten werden. Am Gesamtmarkt dürfen die QFI maximal zehn Prozent der Aktien halten.

Ziel ist die Aufnahme in die MSCI-Indices

So weit, so begrenzt. Die Finanzmarktaufsicht des Landes hat jedoch schon klar verkündet, dass das Ziel die Aufnahme des saudischen Aktienmarktes in die internationalen Indizes sei, vor allem in jene des Anbieters MSCI. Um dies zu erreichen, müsste die Liberalisierung jedoch noch deutlich weiter gehen. Denn nur wenn Anleger Aktien in einem Markt jederzeit frei kaufen und verkaufen können, kann dieser Teil der Indizes werden.

Experten rechnen daher nicht vor 2017 mit einer Aufnahme der saudischen Titel in die internationalen Börsenbarometer. Dann würden jedoch auch börsennotierte Indexfonds, die inzwischen weltweit einen grossen Teil des Anlagekapitals verwalten, in Riad investieren – sie könnten gar nicht umhin, denn sie müssen die Indizes stets eins zu eins kopieren.

Finanzreserven der Saudis schmelzen ab

Doch selbst jetzt dürfte die leichte Öffnung schon jede Menge frisches Kapital ins Land spülen. Der Finanzdienstleister Arqaam Capital mit Sitz in Dubai rechnet damit, dass es in den kommenden fünf Jahren mindestens 40 Milliarden Dollar sein werden. Und dieses Geld kann Saudi-Arabien gut gebrauchen.

Denn der niedrige Ölpreis macht dem Land schwer zu schaffen. «Die Finanzreserven des Landes schmelzen dahin», sagt Farouk Soussa, Ökonom bei der Citigroup. «Geht es so weiter wie in den vergangenen drei Monaten, dann wären sie in 18 Monaten aufgebraucht.»

Ausgaben blieben konstant

Denn das Rohöl ist für 90 Prozent der Einnahmen des Staates verantwortlich. Seit Sommer vergangenen Jahres ist der Preis je Barrel (159 Liter) jedoch von über 100 Dollar auf rund 60 Dollar gefallen, zeitweise lag er sogar schon unter 50 Dollar. Entsprechend verringerten sich die Einnahmen des Landes. Die Ausgaben blieben jedoch weitgehend konstant.

«Wenn Saudi-Arabien seine Ausgaben nicht kürzt, wird das Haushaltsdefizit auf 130 Milliarden Dollar steigen», sagt Soussa, «das sind 22 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.» Selbst wenn der Staat mehr Schulden aufnähme, wäre ein solches Minus nicht lange tragbar. Die Opec hatte jedoch erst in der vergangenen Woche prognostiziert, dass selbst 2025 Rohöl nur 76 Dollar je Fass kosten werde. Schlimmstenfalls könne der Preis dann sogar bis auf 40 Dollar absinken.

Hohes Risiko für Investoren

Der saudische Staat muss also in den kommenden Jahren drastisch sparen. Beginnt er jedoch damit, drückt das auf die heimische Wirtschaft und damit auf die Gewinne der Firmen. Diese müssen sich daher nach Kapitalquellen umsehen. Und da kommen die ausländischen Investoren gerade recht.

Die Öffnung des Aktienmarktes ist also zumindest teilweise aus der Not geboren. Das sollte Anleger vorsichtig stimmen. Hinzu kommt jedoch, dass rund ein Drittel der Unternehmen, die an der Börse in Riad notiert sind, direkt in der Ölindustrie tätig sind, ein weiteres Drittel sind Banken und Finanzdienstleister. Damit hängt die Wertentwicklung extrem stark vom Ölpreis ab, wie sich im vergangenen Jahr sehr gut erkennen liess. Der Tadawul-Index fiel praktisch parallel mit den Notierungen für Rohöl.

Politisches Risiko

Und schliesslich bleibt das politische Risiko. Saudi-Arabien führt nicht nur gerade Krieg im Nachbarland Jemen. Das Regime gehört auch zu den rückständigsten, korruptesten und brutalsten der Welt. Die Verfolgung Andersdenkender ist ebenso an der Tagesordnung wie Enthauptungen und Steinigungen. Es bleibt abzuwarten, wer wirklich freiwillig in einem solchen Land investieren will.

Dieser Artikel ist unter dem Titel «Saudi-Arabien öffnet seine Börse für das Ausland» zuerst in unserer Schwester-Publikation «Die Welt» erschienen.