Die Aktie der Credit Suisse hat heute Vormittag bereits um über 6 Prozent auf rund 28.60 Franken zugelegt. Ist da noch mehr drin?
Andreas Ruhlmann*: In naher Zukunft halte ich einen Anstieg auf 30 Franken für durchaus realistisch. Nachdem das Problem um Griechenland nun weitgehend gelöst ist, sind Anleger ohnehin optimistisch. Daneben scheint der Markt überzeugt vom eingeschlagenen Kurs des neuen Credit-Suisse-Chefs Tidjane Thiam.

Bislang hat die UBS an der Börse regelmässig besser als die Credit Suisse abgeschnitten. Ändert sich das jetzt?
Die Vorzeichen drehen sich um. Die UBS hat schon früh ihr Investmentgeschäft deutlich reduziert, da war die Credit Suisse lange sehr zögerlich. Das machte sich an den Märkten bemerkbar: Ist die Aktie der Credit Suisse seit Anfang Jahr um lediglich 7 Prozent gestiegen, kommt die UBS auf ein Plus von 24 Prozent. Jetzt dürfte die Credit Suisse an der Börse besser als die UBS laufen. Über einen Zeitraum von sechs Monaten sehe ich das Potenzial der Credit-Suisse-Aktie bei 35 Franken – was einen Anstieg um 20 Prozent gegenüber dem heutigen Kursniveau darstellt.

Ihr Eindruck vom neuen CS-Chef Thiam ist also positiv?
Bislang hatte die UBS die bessere Strategie. Nun wird Thiam versuchen, den Rückstand auf die UBS aufzuholen und sich auf die Geschäfte fokussieren, die Geld bringen. Das sind die Vermögensverwaltung und die Wachstumsmärkte in Ostasien und der Pazifik-Region. Das ist ein guter Plan und dürfte auch von den Investoren an den Börsen honoriert werden. Dass Thiam von Aussen kommt und einen anderen Blick auf die Geschäfte hat, dürfte von Vorteil sein. Beim Versicherer Prudential hat er gute Arbeit geleistet. 

Was bedeutet das für das Investmentgeschäft der Credit Suisse und den Jobs dort?
Die Schweizer Banken sind stark in der Vermögensverwaltung, darauf sollte man sich konzentrieren. Die Credit Suisse hätte schon früher und schneller das Investmentgeschäft nach unten fahren sollen. Mit der zunehmenden Regulierung wird es schwieriger, im Investmentbanking Geld zu verdienen. Das bedeutet dann aber, dass dort Jobs gestrichen werden. Das ist hart, aber für die Bank und ihre Aktionäre das Beste.

* Andreas Ruhlmann ist Marktanalyst bei der IG Bank in Genf. Davor arbeitete er bei der Saxo Bank und der kanadischen Zentralbank.