Für viele mögen die Vorgänge an der Schweizer Börse seltsam anmuten. Trotz eines Verlusts von fast zwei Milliarden Dollar reagieren Anleger positiv auf den jüngsten Geschäftsbericht von Transocean. Die Aktie legte vorübergehend um bis zu 7 Prozent zu. Sie steht mit einem Plus von 2,5 Prozent auch am Nachmittag (14:30) ausnahmsweise an der Spitze des Bluechips-Tableaus.

Die Atempause dürfte den Aktionären des weltgrössten Spezialisten für Tiefseebohrungen gelegen kommen. Im Zuge des Ölcrashs verloren die Papiere im letzten Jahr 57 Prozent und lagen abgeschlagen am Ende aller SMI-Titel. Doch was ist nun geschehen, dass die Aktien des SMI-Sorgenkinds plötzlich weggehen wie warme Semmeln?

Erwartungen übertroffen

Die einfache Antwort: Es hätte noch viel schlimmer kommen können. Für Analysten ist klar, dass die Zahlen – von den Milliardenabschreibern einmal abgesehen – durchwegs über den Erwartungen ausgefallen sind. Umsatz und Gewinnschätzungen wurden ebenso übertroffen, wie die prognostizierte Auslastung der Flotte. Diese ist laut Transocean im vierten Quartal nur von 75 auf 72 Prozent gefallen, trotz der rasanten Talfahrt des Ölpreises.

Ausserdem hat das Management endlich reinen Tisch gemacht. Durch die Wertberichtigungen von insgesamt 3,8 Milliarden Dollar für das Gesamtjahr soll die Bilanz nun den tatsächlichen Verhältnissen der Firma entsprechen. Transocean habe nun keinen Goodwill mehr in den Büchern, heisst es in der Mitteilung des Konzerns.

Auf Ramschniveau abgestuft

Die mittelfristigen Aussichten bleiben indes düster. Erst am Mittwoch hat die Ratingagentur Moody’s das Kreditrating für Transocean auf die Ramschstufe «Ba1» gesenkt. Die Obligationen gelten damit als spekulative Anlage mit einem nicht zu unterschätzenden Ausfallrisiko. Der zuständige Analyst rechnet bis 2017 mit einer deutlich höheren Verschuldungsquote des Konzerns.

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Besonders problematisch sind für Moody’s die kostspieligen Investitionen in Bohranlagen. Diese würden in Kombination mit dem Absturz des Ölpreises unweigerlich zu höheren Risiken für Geldgeber führen. Die Attraktivität von Tiefseebohrungen hat in den letzten Monaten bereits merklich abgenommen.

Ungenügendes Sparprogramm

Zwar habe Transocean mit einem Sparprogramm auf das schlechtere Marktumfeld reagiert, schreibt Moody’s. Trotzdem glaube man nicht, dass die höhere Verschuldung so vermieden werden könne. Eine Trendwende sei allenfalls ab 2017 möglich, wenn das Programm zur Erneuerung der Flotte abgeschlossen sei.

Bis dahin muss Transocean mit weiteren Verlusten rechnen und die Aktie dürfte anfällig für erneute Abstürze bleiben. Erst letzte Woche senkte die Deutsche Bank ihr Kursziel auf 6 von zuvor 16 Dollar. Auch sie begründete ihre drastische Rückstufung unter anderem mit einer rapide sinkenden Profitabilität, höheren Überkapazitäten und einer höheren Nettoverschuldung.

Langer Kriechgang

Das texanisch-schweizerische Unternehmen Transocean ist seit Sommer 2010 an der Schweizer Börse kotiert. Beim Einstieg lag die Aktie noch bei fast 100 Franken. Doch schon damals standen die Papiere unter einem schlechten Stern.

Wenige Monate zuvor war die Bohrplattform Deepwater Horizon explodiert und hatte eine Ölpest im Golf von Mexiko ausgelöst. Der Unfall stand am Anfang eines Sinkfluges, bei dem die Titel bis heute mehr als 80 Prozent ihres Wertes verloren haben.