Eine eigentliche Überraschung ist die Meldung nicht mehr: Der Kurznachrichtendienst Twitter kündigt den Börsengang («Initial Public Offering» kurz IPO) an. Das ist durchaus legitim für ein Unternehmen, das laut «Statistic Brain» über 550 Millionen Nutzer zählt und täglich um weitere 135'000 Personen oder zumindest Twitter-Accounts wächst.

Die sogenannte Twitter-Timeline ist, im Gegensatz zum grossen Social-Media-Konkurrenten Facebook, entweder ein Buch mit sieben Siegeln – oder ein Fundus an spannenden Themen und Nachrichten im Sekundentakt. Nach der Gründung 2006 dominierte zunächst der Austausch von Belanglosigkeiten. Inzwischen hat Twitter an politischer und gesellschaftlicher Bedeutung massiv gewonnen – beispielsweise bei Augenzeugenberichten und Kommentaren rund um politische Demonstrationen (wie etwa beim «Arabischen Frühling») oder im Wahlkampf.

Bei Werbeeinahmen deutlich hinter Facebook

140 Zeichen darf ein Tweet umfassen – das zwingt den Absender zu Disziplin. Geld verdient Twitter fast ausschliesslich über Werbung, unter anderem über sogenannte «promoted tweets»: Analysten schätzen die Einnahmen für das laufende Jahr auf gut 580 Millionen Dollar, rund doppelt so viel wie im Vorjahr. Zum Vergleich: Facebook, wo die schwachen Werbeeinnahmen seit dem Börsengang im Frühjahr 2012 stets ein Kritikpunkt waren, verdiente 1,6 Milliarden Dollar – alleine von April bis Juni dieses Jahres.

Pluspunkte sammelt Twitter indes damit, dass das Wachstum der mobilen Nutzerschaft besser und vor allem schneller als bei Facebook monetarisiert werden konnte. «Ihr Wachstumspfad war sehr, sehr stark», sagt Emarketer-Analyst Clark Fredricksen. So erstaunt es nicht, dass Twitter gerade in diesem Bereich nach Wachstumsmöglichkeiten sucht: Anfang dieser Woche wurde der Kauf der auf mobile Werbung spezialisierten Firma Mopub bekannt, der Preis dafür liegt Schätzungen zufolge bei rund 350 Millionen Dollar.

Twitter-Zahlen als grosses Geheimnis

Schätzungen dominieren ohnehin die Twitter-Zahlenwelt: Weil in den USA seit vergangenem Jahr die Regel gilt, dass Unternehmen mit einem Jahresumsatz unter einer Milliarde Dollar den Antrag für den Börsengang vertraulich stellen dürfen. Der Wert des Unternehmens wird auf 10 bis 15 Milliarden Dollar geschätzt, was einem Bruchteil von Facebook entspricht: Das Unternehmen von Mark Zuckerberg wird nach der jüngsten Erholung beim gestrigen Handelsschluss von den Anlegern mit knapp 109 Milliarden Dollar bewertet.

Der Vergleich ist insofern nicht an den Haaren herbeigezogen, als dass sich die beiden Unternehmen zuletzt ein regelrechtes Duell lieferten: So kaufte Facebook beispielsweise Instagram, um im Fotobereich auf Social Media den Takt angeben zu können. Twitter zog mit der Lancierung von Vine, einer Video-Applikation im Kurznachrichtenformat (die maximale Filmlänge beträgt sechs Sekunden), nach. Woraufhin Facebook Instagram, das mittlerweile ebenfalls rund 150 Millionen monatliche Nutzer zählt, ebenfalls eine Videofunktion verpasste.

Kennzahlen mit Angstschweiss-Potenzial

Und für Anleger? Aus heutiger Sicht ist grösste Vorsicht geboten. Der Twitter-Börsengang, dessen Fahrplan noch nicht bekannt ist, wird medial natürlich grosses Aufsehen erregen. Nimmt man die Bewertungskennzahlen von Facebook als Massstab zur Einordnung, so kann einem dies durchaus den Angstschweiss auf die Stirn treiben: Aktuell wird die Zuckerberg-Aktie mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 60 gehandelt. Das sogenannte PEG-Ratio liegt bei über zwei. Dieses PEG-Ratio besagt: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis ist mehr als doppelt so hoch wie das Wachstum des Unternehmens. 

Zum Handkuss für den Börsengang dürfte laut Informationen des US-Sender ABC die Investmentbank Goldman Sachs kommen. Das würde insofern den Kreis in geradezu idealer Weise schliessen, weil der (nicht ganz ernst gemeinte) Twitter-Account «GSElevator» mit vermeintlichen, im Lift der amerikanischen Bank aufgeschnappten Gerüchten mit über 525'000 Followern längst Kultstatus erlangt hat.

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