Gibt es Einflüsse der Vorwoche, welche an der Börse nachwirken werden?
Michael Romer*: Die allgemeine Sorge der Märkte über den globalen Wachstumspfad hat Befürchtungen aufkeimen lassen, dass die fortschreitende Erholung in den USA, welche mit guten Arbeitsmarktdaten untermauert ist, in Mitleidenschaft gezogen werden könnte. Dies wiederum hält die Diskussion über frühere oder spätere Zinsschritte am Leben, was die Aktienmärkte generell, aber auch in der Schweiz, unvermindert weiter beschäftigen wird.

Welche Ereignisse werden diese Woche prägen?
Auf politischer Ebene wird es zu verfolgen sein, ob Europa in der Frage des Stabilitäts- und Fiskalpakts einen Schritt vorwärts schafft und somit auch positive Impulse auf den Euro aussenden kann. Zudem wird der zwischenzeitliche Burgfriede zwischen Russland und der Ukraine in Bezug auf Gaslieferungen beweisen müssen, ob er hält was er verspricht. In den USA finden zudem nächste Woche Zwischenwahlen auf Parlamentsebene statt, wo eine erwartete Ausweitung der Macht der Republikaner im Kongress für gute Stimmung an den Börsen sorgen könnte.

Wie wird dies die Schweizer Börse beeinflussen?
Erfahrungsgemäss besitzt die Schweizer Börse kein unabhängiges Eigenleben. Wenn gleichzeitig gemischte Makro-Indikatoren aus Europa - wie beispielsweise zuletzt aus Deutschland - kommen, dann stellt das eine steigende Herausforderungen für die exportorientierte Schweizer Wirtschaft dar. Insgesamt erwarte ich jedoch einen weniger volatilen Verlauf der Schweizer Börse gegenüber den anderen grossen Handelsplätzen.

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Welche Unternehmen/Branchen stehen besonders im Fokus?
Nächste Wochen rapportieren einige interessante Schweizer Unternehmen ihre Quartalszahlen. Dazu zählen etwa Holcim und Adecco, welche als Stimmungsbarometer für die globale Wirtschaft angesehen werden können. Zudem berichtet mit Zurich Insurance Group eine Gesellschaft aus einer Industrie, welche in den vergangene Wochen erstaunlich schadlos durch die turbulenten Märkte gezogen ist. Zu guter Letzt gilt es noch die Luxusgütergruppe Richemont im Auge zu behalten, welche Einblick in die zuletzt deutlich gesunkene Nachfrage nach gehobenen Gütern aus den Schwellenländern, namentlich in China, geben sollte.

Ihr Ratschlag für Anleger - wo bieten sich Chancen?
In volatilen Märkten, die sich allenthalben dennoch seitwärts bewegen, ist es ratsam auf Qualität zu setzen. Noch immer bieten sich Opportunitäten in Aktien die abgestraft wurden, ohne dabei fundamental an Attraktivität eingebüsst zu haben. Wichtig ist die Prüfung der Ausblicke der Unternehmen, ob diese dem Makroumfeld entsprechen. Unternehmen, die zudem bereits erste Indikatoren für 2015 abgegeben haben, deuten zudem auf ein robustes Geschäftsmodell hin.

Wo sehen Sie Risiken?
Diese Frage lässt sich nicht definitiv beantworten. Wie die Erfahrung der letzten Wochen zeigt, gibt es Ausreisser in allen Sektoren sowie bei Unternehmen verschiedener Grössen.

Wie schätzen Sie die Entwicklung an der Schweizer Börse über die nächsten 12 Monate ein?
Nach der Marktkorrektur im Oktober, die allerdings innerhalb historischer Bandbreiten von 10 bis 20 Prozent ausgefallen ist, erwarte ich kurzfristig noch weiter etwas Potenzial für die bereits zügig vorangeschrittene technische Markterholung. In diesem Umfeld bietet der als defensiv eingestufte Schweizer Aktienmarkt in der kürzeren Frist weniger überdurchschnittliches Kurspotenzial. Auf 12 Monate hinaus und unter der Annahme, dass für Europa ein rezessives Umfeld nicht ausgeschlossen werden kann und der Wachstumsaufschwung in den USA an Tempo verliert, sollte der Schweizer Aktienmarkt als sicherer Hafen seine relative Attraktivität ausnützen.

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*Michael Romer ist seit August 2006 Aktienanalyst bei J. Safra Sarasin und seit März 2014 Leiter des Aktienresearch Private Banking.