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Warum europäische Aktien sehr günstig bewertet sind

Henning Gebhardt, Leiter Europäische Aktien bei DWS Investments

Europas Wirtschaftsaussichten sind verhalten. Aktien mit Fokus auf dem EU-­Binnenmarkt seien daher zu meiden, rät Henning Gebhardt. Stattdessen empfiehlt der Fonds­manager von DWS Investments export­o

Von Urs Aeberli (Interview)
am 04.04.2012

In der Euro-Zone ist die Arbeitslosigkeit aktuell so hoch wie nie zuvor seit der Einführung des Euro. Warum soll man angesichts dessen in europäische Aktien investieren?
Henning Gebhardt:

Die Arbeitslosigkeit ist ein Indikator mit geringer Bedeutung für die Anleger, denn sie hinkt dem Wirtschaftswachstum hinterher. Sie kann immer noch hoch sein oder sich gar weiter verschlechtern, während sich die Konjunktur- und Aktienkmarktaussichten bereits wieder positiv präsentieren.

Ende letztes Jahr, als die Stimmung noch weit weniger positiv war, investierte Warren Buffett massiv in europäische Aktien. Er hielt den Pessimismus für übertrieben und die tiefe Bewertung für überzogen...
Die Bewertung europäischer Aktien ist immer noch sehr günstig. Derzeit haben wir ein sehr stabiles Gewinn­niveau und eine relativ hohe Dividendenrendite. Offen ist, wann der breite Markt die Unterbewertung gegenüber ausser­europäischen Börsen korrigiert. Aber wer einen langen Anlagehorizont hat wie Buffett, sollte diese Phase nutzen, um langfristige Aktienpositionen aufzubauen.

Welche Sektoren sind interessant?
Formulieren wir es negativ: Man sollte Aktien meiden, die stark vom EU-Binnenmarkt abhängen, wie Bauunternehmen, Detailhändler, Versorger und Telekombetriebe. Diese Branchen stehen wohl noch längere Zeit unter Druck. Interessanter sind Firmen mit globalem Fokus. Dazu zählen etwa Luxus- und Markenartikelhersteller wie LVMH, Adidas und BMW, Industrietitel wie Linde, Atlas Copco und Alfa Laval, IT-Firmen wie SAP oder ein Flughafenbetreiber wie Fraport.

Sprechen neben der Bewertung auch die tiefen Zinsen für europäische Aktien?
Tatsächlich zeigt die deutsche Immobilienbranche eine Belebung ...

...und auch Europas Bankaktien?
Da brauchen Sie einen besonders langen Atem, da die meisten Institute aufgrund der regulatorischen Einschränkungen immer noch nach dem passenden Geschäftsmodell suchen. Erst wenige ­europäische Institute haben bereits ein aussichtsreiches Geschäftsmodell gefunden, wie die in Asien gut verankerte Standard Chartered oder wie nordeuropäische Banken, bei denen sich bereits wieder steigende Margen beobachten lassen.

Was halten Sie dagegen von Versicherungsaktien? Anders als bei den Banken wird in der Assekuranz die Verschärfung der Regulierung hinausgeschoben.
Tatsächlich haben wir die Versicherungsaktien relativ zu den Bankak­tien übergewichtet. Ein Grund ist, dass Versicherer in der Regel attraktive Dividendenrenditen aufweisen. Trotzdem sind wir nicht gross in Assekuranzwerten investiert, weil das operative Geschäft wenig Wachstumsdynamik aufweist.

Kommen wir von den Sektoren zu den Ländern. Warum finden sich in Ihren Fonds vergleichsweise viele französische Aktien?
Frankreich hat eine Reihe starker Exportfirmen wie LVMH, Danone, Essilor oder Bureau Veritas.

Aber Frankreichs Wettbewerbsfähigkeit hat doch in den letzten Jahren deutlich ­gelitten.
Frankreich hat sicher wirtschaftspolitischen Reformbedarf. Die bevorstehenden Wahlen werden eine wichtige Wegscheide sein: Ein Linksrutsch wäre ein negatives Zeichen.

Besonders gross ist der Reformbedarf in Südeuropa. Soll man deswegen zum Beispiel spanische Aktien generell meiden?
Die spanische Börse hinkt der deutschen 20 Prozent hinterher. Aufholen wird sie erst, wenn der Sanierungskurs greift. Das ist ein langer, mehrjähriger Prozess. Wer auf Nummer sicher gehen will, meidet Südeuropa. Aber auch Spanien bietet attraktive Aktienwerte, wenn man sich an gut positionierten Geschäftsmodellen orientiert, die sich unabhängig von der EU-Wirtschaft dynamisch entwickeln.

Zum Beispiel?
Das Textilunternehmen Inditex ist global aufgestellt und leidet nicht an der Konsumflaute auf seinem Heimmarkt.

Henning Gebhardt Leiter Europäische Aktien bei DWS Investments

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