Nach dem Ausverkauf an Chinas Börsen hat in den letzten zwei Handelstagen der vergangenen Woche eine starke Gegenbewegung eingesetzt. Sowohl am Donnerstag als auch am Freitag gab es an der wichtigen Börse von Shanghai ein Plus von rund 5 Prozent. Der Aufschwung gibt Anlass zur Hoffnung, dass der grösste Crash seit mehr als 20 Jahren nun endlich überstanden sein könnte. Denn auch am Montag schlossen die Börsen in China mit einem satten Plus.

«Es muss etwas passiert sein», bestätigt Mark Matthews, Chefanalyst für Asien bei der Privatbank Julius Bär. Half die Politik der chinesischen Regierung, die sich mit starken Massnahmen gegen den Absturz gestemmt hat? Der Experte glaubt dies nicht. «Die neusten Massnahmen sind zwar wirkungsstark, aber sie unterscheiden sich nicht radikal von den Massnahmen, welche die Regierung bereits vorher ergriffen hat.»

«Panik noch angeheizt»

Mit 22 separaten Massnahmen habe die Regierung zwischen dem 27. Juni und dem 8. Juli den Absturz zu bremsen versucht. Dazu zählten Zinssenkungen und die Suspendierung der Hälfte aller Aktien vom Handel – doch keine dieser Aktionen habe den Kollaps stoppen können, so Matthews. «Die Erfolgslosigkeit der Regierung hat die Panik sogar noch angeheizt.»

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Auch Christopher Swann, der die Börsen für die UBS analysiert, ist skeptisch, ob die Regierungspolitik den Handel beruhigt hat. «Die Politik der Behörden hat Zweifel an der Freiheit der einheimischen Märkte hinterlassen.» Zwar sei schon vorher klar gewesen, dass die Börsen in China streng reguliert waren. «Aber die Marktbeeinflussung ist in letzter Zeit intensiver geworden.»

Spekulative Käufe auf Pump

Um zu verstehen, weshalb nun eine Erholung möglich scheint, müsse man verstehen, wie die aktuell geplatzte Blase entstanden sei, so Matthews. Die Aktienmärkte in Shanghai und Shenzhen waren vor allem durch spekulative Käufe auf Pump in die Höhe getrieben worden. Der Wert von chinesischen Aktien hatte sich dabei in nur einem Jahr weit mehr als verdoppelt.

«Immer mehr Investoren verschuldeten sich im letzten Jahr, damit sie ebenfalls am Aktienhandel teilnehmen konnten», so auch Swann von der UBS. «Damit hat sich die Zahl der Händler an den Börsen massiv erhöht». So stark von geliehenem Geld angetriebene Märkte sind aber von Natur aus volatil, sagen die Experten. «Deshalb reichten am Ende einige wenige negative Nachrichten, um eine Kettenreaktion auszulösen», ergänzt Matthews.

Verschuldung hat abgenommen

Doch wenn nicht die Regierungspolitik gewirkt hat, warum dann das plötzliche Rallye? Für Anlagenexperten Matthews gibt es vor allem einen Grund für die sprunghafte Erholung. Die Summe an Anlagen, die mit Krediten finanziert wurden, sank im Zuge des Ausverkaufes massiv. Das Volumen der sogenannten Lombard-Kredite – Kredite mit Aktien als Sicherheiten – ging von 2,3 Billionen Renminbi (rund 340 Milliarden Franken) auf 1,4 Billionen Renminbi (etwa 210 Milliarden Franken) zurück. Die Broker konnten somit in den vergangenen Tagen viele Risiken aus den Büchern bringen. Matthews erklärt: «Nun haben die Leute offenbar das Gefühl, dass sich der Markt von exzessiven Risiken gereinigt habe.»

Laut der Wirtschaftsagentur «Bloomberg» wurden in den vergangenen Tagen 1422 Unternehmen vom Handel ausgesetzt, etwa die Hälfte aller gelisteten Werte. Die Erholung betrifft damit bisher nur einen Teil der Aktien. Doch für Matthews ist es ein ermutigendes Zeichen, dass am Freitag rund 40 Titel an die Börse zurückgebracht wurden. «Dies vor allem, weil viele von ihnen danach tatsächlich gestiegen sind.»

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Weitere Ausschläge möglich

Und wie steht es jetzt um die Erholung? «Bis wir Gewissheit haben, braucht es nach der unglaublichen Volatilität eine ruhigere Zeit», sagt Swann. Ein zusätzlicher Risikofaktor bleibt dabei die schrittweise Rückkehr der ausgesetzten Titel in den nächsten Tagen und Wochen. Diese könnte für weitere Ausschläge nach unten sorgen, vermuten Experten.

Trotz der gigantischen Werte, die vernichtet wurden: Der wirtschaftliche Schaden hat sich ingesamt in Grenzen gehalten. Zum einen haben die chinesischen Börsen über zwölf Monate gesehen immer noch rund 70 Prozent zugelegt. Und zum anderen ist der Aktienmarkt in China nicht besonders stark mit der realen Wirtschaft verbunden. Auf eine Bevölkerung von über 1,3 Milliarden Menschen kommen in China nur etwa 50 Millionen aktive Investoren an den Finanzmärkten.

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Ausblick neutral

Ganz harmlos sei ein Börsencrash in China aber auch nicht, sagt Matthews. «Am Mittwoch gab es Anzeichen, dass der Absturz andere Märkte in Asien mitziehen könnte.» Weil viele chinesische Aktien vom Handel ausgesetzt wurden, hätten Investoren ihr Risiko an anderen Handelsplätzen zu reduzieren versucht. Der japanische Nikkei-Index fiel in der Folge auf den tiefsten Stand seit zwei Monaten. Und auch der Dow Jones rutschte an diesem Tag um 1,5 Prozent ab. Ein Übergreifen sei eben trotz der relativ geringen Bedeutung chinesischer Aktien für internationale Investoren nie ganz auszuschliessen.

Das Chief Investment Office der UBS jedenfalls belässt den Ausblick für Chinas Börsen auf neutral. Einerseits sehe man bei manchen Finanztiteln und börsenkotierten Staatsfirmen durchaus noch Potenzial nach oben, erklärt Swann. Viele mittlere und kleinere Titel im Inlandhandel dagegen, seien aus Sicht der UBS-Ökonomen immer noch sehr teuer. Angesichts der volatilen Situation ist Swann überzeugt: «Jetzt ist vielleicht nicht der beste Zeitpunkt, um in China einzusteigen.»

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