Mit Euphorie haben die Märkte auf das iPhone 6 und die Apple Watch reagiert – für einen winzig kurzen Moment. Die Apple-Präsentation in Cupertino lief noch, als der Kurs bereits drehte. Kaum hatte Konzernchef Tim Cook die lang erwartete Smartwatch von Apple das erste Mal gezeigt, fiel die Aktie. Im Vorfeld der Keynote hatte sie noch um fast fünf Prozent zugelegt, ging dann aber doch leicht schwächer mit 97,99 Dollar aus dem Handel. «Die Erwartungen an Apple waren extrem hoch. Die Erwartungen vieler Marktteilnehmer wurden damit aber nicht ganz erfüllt», sagte ein Zürcher Händler gegenüber awp.

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Auf den ersten Blick scheint die Entwicklung bei Apple also zu enttäuschen – und der Abwärtskurs gleich mehrere Schweizer Unternehmen mit hinab zu ziehen. Allen voran die Titel des grössten Uhrenherstellers Swatch haben am Vormittag eingebüsst, sie verloren bis zum Mittag 1,9 Prozent. Aber auch Technologieunternehmen wie Meyer Burger mussten Einbussen hinnehmen – der Hersteller hätte profitieren können, wenn Apple tatsächlich Displays aus Saphirglas gebracht hätte, wie im Vorfeld spekuliert worden war.

Der Hype treibt den Apple-Kurs in die Höhe

Tatsächlich sind die ersten Stunden nach der Präsentation der Apple-Neuheiten aber wenig aussagekräftig. Das gilt zunächst für Swatch. Beim grössten Schweizer Uhrenhersteller sehen Analysten die allfälligen Umsatzeinbussen durch die Konkurrenz der Apple Watch aufgrund der offenkundigen Kursschwäche in letzter Zeit bereits eingepreist. Alle Experten von J. Safra Sarasin, Helvea und Deutsche Bank erhalten darum ihre Kaufempfehlung aufrecht.

Das gilt aber noch viel mehr für die Aktien von Apple. Beim Kursverlauf um die gestrige Keynote im kalifornischen Cupertino wiederholte sich ein bekanntes Muster: Der Hype vor den Apple-Produktpräsentationen trieb die Titel zunächst in die Höhe – um sie unter Druck zu setzen, sobald die Neuheiten bekannt waren. Analysten sprechen von einer typischen «Buy-the-rumour-sell-the-fact»-Situation.

Misstrauen vor Ersteinführungen

Diese Bewegung vollzieht der Kurs der Apple-Aktie bei nahezu jeder Neuheitenvorstellung seit der Einführung des iPhones. Im Durchschnitt haben die Papiere im Monat vor der Präsention laut einer Studie der Bespoke Investment Gruppe jeweils um 5,2 Prozent zugelegt, um im ersten Monat danach 1,8 Prozent zu verlieren, wie das «Wall Street Journal» berichtet.

Dabei zeigt sich, dass die Anleger vor der Ersteinführung eines Produktes meist misstrauischer waren: Im Monat vor der Vorstellung des ersten iPhones sank der Kurs, genauso wie sich die Käufer auch vor dem ersten iPad zurückhielten. Die Skepsis hielt sich auch in den ersten vier Wochen nach der Präsentation.

Wahres Potenzial zeigt erst die Zeit

Entscheidender für den Erfolg von Apple-Produkten ist aber die Langzeitentwicklung. Auch das zeigt sich bei iPhone und iPad: Bereits nach drei Monaten hatte der Apple-Kurs die Verluste längst wieder aufgeholt und lag überdurchschnittlich stark im Plus. Beim ersten iPhone war es eine Zunahme von 10,8 Prozent, beim iPad sogar satte 30,9 Prozent. Nach einem Jahr stand in beiden Fällen ein sattes Kursplus für Apple auf dem Ticker (siehe Grafik).

Nun mehren sich die Stimmen, dass Apple letzten Endes nicht mehr geliefert hätte, als ohnehin erwartet worden sei. Analysten merken an, dass Apple im Vergleich mit der Konkurrenz von Samsung spät dran sei mit dem grösseren iPhone 6 Plus. Auch habe die Apple Watch bei Design und Funktionen nicht die Durchschlagskraft, die man sich erhofft hatte.

Doch der historische Vergleich belegt, dass die zunächst eher skeptischen Urteile über iPhone 6 und Apple Watch nicht unbedingt tragen müssen. Und so betont auch Gene Munster, Chefanalyst der Investmentbank Piper Jaffray, gegenüber «Bloomberg», dass Apple sich derzeit mit der Apple Watch an einem kritischen Punkt befinde. Die Smartwatch könnte ihr Potenzial erst auf lange Sicht zeigen. Investoren sollten sich bewusst werden: «Es wird Zeit brauchen, bis Wearables ihren wahren Wert zeigen – aber es wird passieren.»