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Interview
«Wir befinden uns im Jahrzehnt der Aktien»

Alfred Ritter, Chief Investment Officer der Basler Kantonalbank: «Die USA werden wieder zur Lokomotive.» (Bild: ZVG)

Ab Mittwoch präsentieren auch die SMI-Firmen ihre Halbjahreszahlen. BKB-Anlagechef Alfred Ritter sieht dem Zahlenreigen optimistisch entgegen – und sieht den SMI bis Ende Jahr bei 8600 Punkten.

Von Volker Strohm
am 16.07.2013

Der Auftakt zur Saison der Halbjahreszahlen ist in den USA geglückt. Am Mittwoch beginnt die Berichtssaison auch für die SMI-Firmen. Wird die positive US-Stimmung in die Schweiz übertragen?
Alfred Ritter: Ich denke ja. Das Beispiel Ems-Chemie zeigte in der vergangenen Woche, dass viele traditionelle Firmen in den Industrieländern wirklich in der Lage sind, dank Reorganisationen und Produkteverbesserungen gute Erträge zu erwirtschaften – auch wenn das Wachstum zwischenzeitlich rückläufig ist. Die Schweiz wird den USA in nichts nachstehen.

Gilt dieser Optimismus durchs Band?
Nein. Die Bankenbranche hat in Europa nach wie vor Probleme. In den USA fand die Rekapitalisierung statt – in Europa steht dies noch bevor, in der Schweiz zum Teil.

Die Halbjahreszahlen der Banken werden also enttäuschen?
Ich hoffe es nicht, aber die Messlatte, welche die US-Konkurrenz legte, ist sehr hoch. Bei den Grossbanken UBS und CS rechne ich dennoch mit «vernünftigen» Zahlen – bei der Credit Suisse vielleicht sogar mit einer positiven Überraschung aus dem Investment Banking.

Wo wird es sonst noch positive Überraschungen geben?
Bei Novartis liegt eine Überraschung drin – und bei Actelion rechne ich damit, dass die Prognosen angehoben werden.

Und wo heisst es besser: Finger weg?
Bei mittelgrossen und kleinen Banken ist das Risiko einer Enttäuschung gross. Auch bei Stromversorgern halte ich neue Probleme für nicht ausgeschlossen.

Unter dem Strich aber eine positive Einschätzung.
Ja, wir befinden uns im «Jahrzehnt der Aktien».

Das heisst in Zahlen ausgedrückt,…
… dass wir bei unserer Prognose eines SMI zum Jahresende 2013 bei 8600 Punkten bleiben. Aber es sind nicht mehr die klassischen Schwellenländer wie Brasilien oder China, die für Fantasie sorgen. Das Wachstum kommt wieder aus den USA. Sie werden die Lokomotive für die nächsten ein, zwei Jahre sein.

Die Bewertung spricht nach wie vor für Aktien – dagegen steht jedoch die Angst, dass die expansive Geldpolitik bald zu Ende sein könnte. Wer gewinnt?
Fakt ist: Die Börse ist nicht überbewertet, die Gewinnschätzungen sind vielfach zu tief. In den USA beträgt das Kurs/Gewinn-Verhältnis durchschnittlich rund 15 – hier sind wir eher am unteren Ende des langfristigen Trends.

Wenn die USA aber wieder zum Motor der Weltwirtschaft mutieren, heisst dies doch, dass die Notenbank schon bald den Geldhahn zudreht.
Klar, dieser Schritt wird früher oder später kommen. Dass die aktuelle Geldpolitik zu expansiv ist, ist vielen klar. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich BIZ hat mehrfach gewarnt. Ein Anstieg der langfristigen Zinsen ist unvermeidbar…

… was ebenfalls gegen den Aktienmarkt spricht.
Wir dürfen nicht vergessen, dass das aktuelle Zinsniveau Resultat dessen ist, dass die Politik und die Notenbanken die Bank- und Finanzbranche retten mussten. In den USA ist das Zinsniveau für Kredite an Privatpersonen aber schon heute mit 3,5 bis 5 Prozent im Vergleich zu Europa nicht wirklich tief.

Also keine Gefahr für Schweizer Aktien von der Zinsfront?
Nein, bis zu einem Niveau von 3,5 Prozent in den USA sehe ich überhaupt kein Problem. Aktuell werden in den USA für zehnjährige Laufzeiten 2,5 Prozent bezahlt – wir haben also noch Spielraum. Aber es kann kurzfristig immer wieder zu Schockwellen kommen, das haben die vergangenen Wochen gezeigt.

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