Der Jubel über die Griechenland-Einigung ist gross. Zu Recht?
Heinz Rüttimann*: Die linksgerichtete griechische Syriza-Regierung unter Premier Alexis Tsipras kehrte nach dem klaren Nein zum Referendum zurück an den Verhandlungstisch und unterzeichnete mit Widerwillen eine Einigung, an die sie nicht glaubt. Eine Einigung, die weder von der Politik noch vom Volk unterstützt wird, ist nicht nachhaltig. Das System wird sich unter diesen Bedingungen kaum reformieren lassen. Hinzu kommt, dass Europa in dieser Frage ebenfalls nicht geeint ist. Jubel ist fehl am Platz.

Was heisst das für die Börsen?
Die Börsen diskontieren die Marktgeschehnisse über die nächsten sechs bis neun Monate. Kurzfristig ist mit der ­Einigung ein Unsicherheitsfaktor in den ­Hintergrund getreten, und dies wirkt sich ­positiv auf die Kurse aus. Mittelfristig wird Griechenland unweigerlich wieder Schlagzeilen machen. Das Problem ist ja nicht gelöst, sondern nur aufgeschoben.

Soll man mit dieser Ausgangslage als ­Anleger am besten die Finger von euro­päischen Papieren lassen?
Nein. Vorderhand hat sich die Lage beruhigt. Die EU-Strategie ist, das Problem mit frischem Geld vor sich herzuschieben. Dies wird so lange funktionieren, bis eine neutrale Institution wie etwa der Internationale Währungsfonds zum Schluss kommt, dass die Annahmen nach unten korrigiert werden müssen, die Situation nicht nachhaltig ist und Griechenland ein weiteres Rettungspaket benötigt.

Anzeige

Wie stark wird der Schweizer Markt in ­diesen Strudel gezogen werden?
Wie die anderen europäischen Märkte profitiert die Schweizer Börse vorüber­gehend ebenfalls von der Griechenland-Einigung. Mit den zwei Branchen-Schwer­gewichten Pharma und defensive Konsumgüter ist die Sektorausrichtung im Swiss Market Index (SMI) grundsätzlich defensiv. Das ist sicherlich kein Nachteil, wenn man eine mittelfristige Perspektive einnimmt.

Probleme gibt es aber nicht nur in Europa, sondern auch in China. Könnte das für ­zusätzlichen Druck auf die Kurse sorgen?
Die Entwicklung in China ist klar von grös­serer Bedeutung. Solange die Regierung die finanziellen und monetären ­Mittel hat, die Wirtschaft zu unterstützen, scheinen die Probleme kontrollierbar. Stabilität liegt im ureigensten Interesse Pekings. Daher sehen wir noch wenig Druck.

Wie soll man sich da positionieren?
Vergleicht man die drei Blöcke USA, Europa und die Schwellenländer, bevorzugen wir Europa und dort insbesondere Italien und Spanien. Dafür sprechen drei Gründe. Erstens senkt die Einigung mit Griechenland deren Risikoprämien (vorerst zumindest). Zweitens erachten wir das Bewertungsniveau kombiniert mit der Gewinndynamik als attraktiv. Und drittens erwirtschaften beide Länder ­einen hohen Anteil ihrer Gesamtum­sätze innerhalb Europas. Sie profitieren dementsprechend stärker von einem gesamteuropäischen Aufschwung. Die Exportnation Deutschland schaut derzeit vor ­allem auf China.

Welche drei Aktien erachten Sie momentan als attraktiv?
Bleiben wir bei der Aktienselektion in der Schweiz. Die Märkte sind derzeit stark vom Momentum getrieben. Kurzfristig soll man technische Faktoren höher gewichten als fundamentale. Dabei halten wir die Momentum-Faktoren bei Lonza, Novartis und Straumann am stärksten.

Anzeige

Und wer risikofähig ist, soll der vielleicht wagen, auf griechische Aktien zu wetten?
Wetten ist wohl der richtige Ausdruck. Im derzeitigen Umfeld machen Fundamentalanalysen keinen Sinn. Der Indexanbieter MSCI stuft Griechenland seit November 2013 als Schwellenland ein. Sein Griechenland-Index umfasst nur gerade neun Aktien mit einer vergleichsweise kleinen Kapitalisierung. Sprich, das Risiko-Rendite-Verhältnis steht in keiner Relation zu den noch ungelösten wirtschaftlichen und politischen Problemen bei gleichzeitig sehr beschränkter Liquidität.

*Heinz Rüttimann ist Stratege Emerging Markets bei der Bank Julius Bär.