Der Startpunkt der ersten Zinsanhebung in den USA seit neun Jahren ist offenbar nicht mehr die Hauptsorge der globalen Finanzinvestoren. Vielmehr scheinen grundlegende Zweifel an der Verfassung der grössten Volkswirtschaft der Welt zuzunehmen. Der US-Arbeitsmarktbericht vom Freitag enttäuschte die Anleger schwer – und liess die Börsen in die Tiefe rasseln. Statt der erwarteten 203'000 Jobs hatte die US-Wirtschaft im September nur 142'000 Jobs geschaffen. Auch die Zahlen für den Vormonat wurde nach unten revidiert.

Dies nährt Spekulationen, die Zinswende der Fed könnte erst 2016 kommen, statt wie bisher erwartet im Dezember. Zwar ist die Arbeitslosigkeit mit 5,1 Prozent weiterhin tief, doch die Erwerbsquote von 62,4 Prozent ist die so niedrig wie zuletzt 1977, wie der US-Sender CNBC berichtete. Nach den enttäuschenden Daten vom Freitag erscheint klar, dass die US-Leitzinsen bis Jahresende oder sogar Anfang 2016 bei fast null Prozent blieben, sagte Aktienhändler Markus Huber vom Brokerhaus Peregrine & Black.

Schlechter Arbeitsmarktbericht

Dies gilt umso mehr, weil in den vergangenen Wochen einige Konjunkturdaten wie die monatliche Umfrage unter Einkaufsmanagern nach unten zeigten. Der Arbeitsmarktbericht habe den Erwartungen auf eine «baldige Zinsanhebung der Fed einen gehörigen Dämpfer» versetzt, urteilen die Ökonomen der Bayern LB in einer Analyse.

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Und laut dem Anlagestrategen Evan Lucas von IG Markets in Genf sehen Investoren im schwachen US-Beschäftigungsaufbau einen Trend. «Daher haben sie das Sprichwort aus den Jahren 2012 bis 2014 'Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten' wieder herausgekramt.» Damals hatten schwache Daten Spekulationen auf Geldspritzen der Notenbanken geschürt und den Börsen Auftrieb gegeben.

Kommt die US-Zinswende erst 2016?

Mehrfach verschoben Beobachter in den vergangenen Monaten ihre Erwartung für die erste Zinsanhebung seit neun Jahren nach hinten – zunächst aus Sorge um die Konjunktur, dann aus Angst, der Schritt könnte für Verwerfungen an den Finanzmärkten führen. Nun hat sich jedoch laut Lesart mancher Experten das Blatt gedreht: Die Entscheidung der US-Notenbank im September, die erste Zinserhöhung weiter aufzuschieben, habe die Unsicherheit an den Finanzmärkten verstärkt, sagt Barclays-Stratege William Hobbs.

Er hält die US-Wirtschaft robust genug, um eine straffere Geldpolitik zu verkraften. «Die Tendenzen bei Konsum und Investitionen sind kaum mehr von denen vor der Krise zu unterscheiden, während die meisten Menschen, die arbeiten wollen, auch eine Stelle haben», sagt er. Wichtig sei weniger die erste Anhebung als vielmehr der Verlauf der Zinsen in den Jahren danach. Dieser werde einen längerfristigen Einfluss auf die Kapitalmärkte haben. «Zyklen mit steigenden Zinssätzen fielen in der Vergangenheit häufig mit steigenden Aktienmärkten zusammen.»

Finger weg vom Gold

Kurzfristig bleiben die Aktienmärkte unruhig, ist Hobbs von Barclays überzeugt. Die Investoren müssten die Baisse der chinesischen Wirtschaft und das Ausbleiben der Zinserhöhung erst verarbeiten. Trotzdem dürften aber die Aktienmärkte gegenüber den Anleihemärkten in den nächsten sechs bis zwölf Monaten im Vorteil sein. Ein wichtiger Grund dafür ist laut Hobbs der tiefe Ölpreis, der «ganz klar positiv für die Weltwirtschaft ist».

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Chancen für Investoren sieht der Barclays-Mann vor allem in kontinentaleuropäischen Aktien. «Hier haben die Unternehmensgewinne den meisten Aufholbedarf.» Schlechter stehe es dagegen um Anleihen und das Anlagemetall Gold. Dessen Aussichten seien «nicht gerade rosig», sagt Hobbs. Dies insbesondere weil die Inflationsprognosen und damit die künftigen US-Zinssätze womöglich unterschätzt würden. «Gold dürfte weiterhin an Attraktivität verlieren.»