Am 17. März 2008 konnte das Schlimmste verhindert werden. «Mit der Rettung von Bear Stearns hat die US-Notenbank wieder Vertrauen in die Aktien- und die Kreditmärkte zurückgebracht», sagt Jürg Furrer, Leiter Investmentoffice der Aquila Group. «Die Investoren wurden darin bestärkt, dass die Notenbank im Notfall alles unternimmt.» Diese Zuversicht der Investoren spiegelt sich in einem Anstieg an den Börsen, der Swiss Market Index (SMI) hat seither 4% gewonnen.

Mit ihren Massnahmen können die Notenbanken die Grundprobleme aber nicht lösen. Ein Ende der US-Immobilienkrise ist nach wie vor nicht absehbar. «Dies dürfte frühstens in sechs Monaten der Fall sein», erwartet Claude Zehnder, Chefanalyst der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Sorgen bereitet zudem, dass auch die Immobilienmärkte in England und Spanien überhitzt sind. Ferner bleibt die Lage an den Geldmärkten angespannt (siehe separaten Text).

Stimmung bewegt die Kurse

«Die Aktienmärkte sind starken Stimmungsschwankungen unterworfen», sagt Alfred Roelli, Leiter Finanzanalyse von Pictet. Auf Hoffnung folgt Enttäuschung und umgekehrt. Am Tag des Notverkaufs von Bear Stearns herrschte Panik an den Börsen, mittlerweile sind die verschiedenen Sentiment-Indikatoren wieder im neutralen Bereich.

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Negative Stimmungsindikatoren geben ein Kaufsignal, während ein übergrosser Optimismus der Investoren als Verkaufssignal interpretiert wird. Neutrale Stimmungsindikatoren geben kein Kaufsignal mehr. Laut den Analysten von Morgan Stanley weisen auch alle anderen wichtigen Markt-Timing-Indikatoren darauf hin, dass sich die kurzfristige Erholung des Aktienmarktes dem Ende nähert. Auch Furrer von Aquila, einem Verbund unabhängiger Vermögensverwaltungsgesellschaften, rechnet damit, dass diese sogenannte «Bärenmarkt-Rally» bald zu Ende geht.

Dagegen könnte sich aus Sicht von ZKB-Chefanalyst Claude Zehnder der Aufwärtstrend kurzfristig noch fortsetzen, obwohl charttechnische Widerstände nicht allzu weit von den aktuellen Kursniveaus entfernt sind.

In den nächsten Monaten werden die Kursschwankungen gross bleiben. Angesichts der Unsicherheit verfolgen die meisten Bankinstitute eine eher vorsichtige Anlagepolitik. Bevorzugt werden in der Regel defensive Qualitätstitel wie zum Beispiel Roche oder Nestlé. Es gibt aber auch noch andere Aktien, die Potenzial versprechen (siehe Box).

Gewinnrevisionen erwartet

«Für die meisten Marktteilnehmer ist es neu und ungewohnt, dass die Entwicklung der Aktienmärkte von den Finanztiteln bestimmt wird», sagt Roelli von Pictet. Die aktuelle Lage lasse sich deshalb kaum mit der jüngeren Vergangenheit vergleichen.

Nachdem die Gewinne im Finanzsektor dramatisch eingebrochen sind, sollten die Anleger ihr Augenmerk vermehrt auf die übrigen Sektoren richten. Denn auch dort dürfte die Rezession in den USA ihre Spuren hinterlassen. «Die Gewinnschätzungen sind zu hoch und dürften nach unten revidiert werden», so Roelli. «Dabei haben die Investoren aber schon sehr viel Negatives in die Preise eingebaut.»

Eher schwache Quartalszahlen

Vorsichtiger ist Furrer von Aquila, der Aktien untergewichtet hat. Als Hauptgrund nennt er, dass sich die schwächere Konjunktur in den Gewinnen ausserhalb des Finanzsektors niederschlagen wird. «Dies werden aber erst die Ergebnisse zum 2. Quartal zeigen.» Die Analysten von Morgan Stanley sehen ebenfalls etliche Anzeichen, die darauf hindeuten.

Die Ergebnisse im 1. Quartal 2008, die bisher veröffentlicht wurden, sind gemischt ausgefallen. Von den sieben bereits veröffentlichten Quartalsergebnissen von Schweizer Unternehmen haben gemäss Claude Zehnder von der ZKB zwei Firmen besser abgeschnitten als erwartet. In den USA haben bisher 95 der 500 S&P-Unternehmen ihre Quartalszahlen vorgelegt. Einige Unternehmen wie General Electric haben enttäuscht, dafür hat etwa Google positiv überrascht. «Die Zwischenbilanz fällt aber eher schwach aus», sagt Zehnder.

 

 


Angespannter Geldmarkt - beschönigter Libor?

Die Lage am Geldmarkt bleibt trotz einer verbesserten Stimmung an den Aktien- und Kreditmärkten angespannt. Am Geldmarkt werden Zinsgeschäfte bis zu einem Jahr Laufzeit abgewickelt. «Obwohl die wichtigen Zentralbanken ab Mitte März die Liquiditätsinjektionen deutlich erhöht haben, sind die Spannungen weiter gestiegen», kommentiert Alessandro Bee, Ökonom bei der Bank Sarasin. Das Misstrauen gegenüber der Kreditfähigkeit der Banken besteht also noch immer, wenn es nicht sogar noch gestiegen ist.

Am Interbanken-Markt stimmen die Banken ihr Liquiditätsmanagement ab. Welches Ausmass das Misstrauen unter den Banken bereits angenommen hat, zeigt sich daran, dass mittlerweile sogar die Glaubwürdigkeit des Interbanken-Satzes Libor angezweifelt wird. Dieser Referenzzins wird täglich in einer Umfrage bei den wichtigsten Banken ermittelt. Die befragten Bankinstitute geben an, wie viel sie für einen kurzfristigen Kredit von anderen Banken bezahlen müssen. Um im Markt besser dazustehen und sich nicht der Gefahr auszusetzen, irgendwann plötzlich als Gegenpartei gemieden zu werden, haben die Banken einen Anreiz, diese Kosten tiefer anzugeben, als sie tatsächlich sind. Beweise, dass die Sätze von den Banken bewusst beschönigt worden sind, gibt es zwar nicht, doch seit die britische Bankenvereinigung allfällige Fehlangaben der Banken untersucht, weisen die Banken bereits wieder höhere Kosten für ihre Kredite aus. (ng)