Rechnen Sie 2008 mit weniger Ertrag? Oder anders gefragt: Was erwarten Sie vom Marktumfeld?

Hans Nützi: Ich bin überzeugt, dass die Subprime-Krise die Finanzmärkte noch einige Zeit beschäftigen wird. Dies führt zu einer Verunsicherung, was letztlich auch Auswirkungen auf die Umsätze an den Börsen haben kann.

Erwarten Sie einen Rückgang der Erträge?

Nützi: Nein, mit einem drastischen Rückgang rechnen wir nicht.

Fürchten Sie, ausgehend von den USA, rezessive Tendenzen in der Wirtschaft?

Nützi: Die Weltwirtschaft befindet sich eigentlich in einer guten Verfassung. Vom ökonomischen Umfeld her bin ich daher grundsätzlich recht zuversichtlich. Denn das Wachstum, insbesondere aus den Emerging Markets heraus, wird gesund bleiben. Die Ungewissheiten und die negativen Implikationen aus den Finanzmärkten beeinflussen das Marktgeschehen nicht so stark, dass wir ein völlig negatives Szenario mit entsprechenden Auswirkungen auf die Realwirtschaft zu erwarten haben.

Die Finanztitel sind derzeit günstig bewertet. Würden Sie jetzt CS oder UBS kaufen?

Nützi: Ich würde jetzt Bank-, aber auch Versichereraktien kaufen. Für langfristig orientierte Anleger ist das eine gute Gelegenheit, diese Positionen aufzubauen. Wenn man jedoch kurzfristig orientiert denkt, muss man die erwarteten starken Schwankungen in die Beurteilung einbeziehen. Wenn die Subprime-Krise weitere Rückstellungen notwendig macht, werden die Schwankungen zunehmen und den gesamten Finanzsektor belasten.

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Wie aktiv ist Clariden Leu im Subprime- Geschäft?

Nützi: Gar nicht. Wenn es aber Unsicherheiten an den Märkten gibt, dann spüren wir das aufgrund des Verhaltens der Anleger auch.

Nochmal auf das makroökonomische Szenario zurück: Was stimmt Sie so zuversichtlich?

Nützi: Ich bin davon überzeugt, dass in den Emerging Markets eine Wirtschaftsentwicklung im Gange ist, durch die sich jetzt auch ärmere Schichten zu einem Mittelstand entwickeln. Diese Entwicklung hat eine unmittelbare Kaufkraftsteigerung zur Folge. Das wird das globale Konsumgeschehen beeinflussen.

Wie weit ist Clariden Leu in den Wachstumsmärkten vertreten?

Nützi: In Russland sind wir mit einer Repräsentanz vertreten, in Singapur haben wir eine Banklizenz und in Hongkong eine Asset-Management-Gesellschaft.

Sind weitere Niederlassungen in anderen Ländern geplant?

Nützi: Wir prüfen immer Opportunitäten. Wenn wir die Gelegenheit haben, in einem Wachstumsmarkt Fuss zu fassen, oder wenn wir sehen, dass wir dort eine Crew akquirieren und auf deren Basis unser Geschäft ausdehnen könnten, dann machen wir das. Wir werden aber nie weltweit in allen Märkten präsent sein, sondern nur dort, wo wir auch eine bedeutende Rolle spielen können – also im Nahen Osten, in Asien, Osteuropa und in ausgewählten Ländern Europas.

Wie wollen Sie in der Schweiz weiter wachsen?

Nützi: Das grösste Wachstumspotenzial ist auch in der Schweiz immer noch die bestehende Kundenbasis. Zudem wollen wir durch das systematische Rekrutieren von guten Leuten wachsen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Ausbildung und Entwicklung junger Leute.

Sie sprechen vom systematischen Hireing guter Leute. Es sind Ihnen aber auch einige gute Leute abhanden gekommen. Konnten diese schon ersetzt werden?

Nützi: Das einzige Team, das gegangen ist, war eines der ehemaligen Bank Hofmann. Dieses hat zur Bank Rothschild gewechselt. Wir konnten dieses Team aber rasch ersetzen. Erfreulich war, dass dieser Weggang keinen nennenswerten Asset-Abfluss bewirkt hat. Wenn der Kundenberater die Bank wechselt, heisst das noch nicht, dass der Kunde automatisch mitgeht. Entscheidend ist das Retention Management gegenüber den Kunden, aber auch gegenüber den Mitarbeitern. Sie sind unser grösstes Asset, und ich bin überzeugt, dass wir unsere wichtigsten Leute halten können. Wir sind uns bewusst, dass wir uns im Markt behaupten müssen.

Auch auf dem Arbeitsmarkt entscheidet am Ende der Preis, sprich der Lohn?

Nützi: Nein, es müssen alle Faktoren stimmen, wie der Brand, die Produkte, das Potenzial des Unternehmens und auch das eigene Entwicklungsspotenzial sowie die monetären Komponenten.

Beat Wittman hat mit seinem Produkteteam die Bank auch verlassen. Haben Sie die Lücke schliessen können?

Nützi: Es ist uns innerhalb weniger Wochen gelungen, sämtliche Vakanzen mit externen und internen Leuten zu schliessen. Wir konnten ein starkes Team für die alternativen Anlageprodukte von der Konkurrenz übernehmen, und auch an der Verkaufsfront ist es uns gelungen, unser Leistungspotenzial deutlich zu steigern.

Sie hatten in den letzten Jahren eine Fluktuation von zirka 10%. Die dürfte jetzt deutlich höher sein.

Nützi: In einem Merger-Jahr ist die Fluktuation erfahrungsgemäss immer höher als sonst, aber das liegt in der Natur der Sache, denn der Mensch liebt ja eigentlich keine Veränderungen. Ich habe mit vielen Personen Gespräche geführt. Einige konnten wir umstimmen zu bleiben, einige mussten wir ziehen lassen.

Wie weit ist die Integration der verschiedenen Einheiten vorangeschritten?

Nützi: Neben der IT-Migration Ende September 2007 haben wir auch die Standortkonsolidierung abgeschlossen, was die Zusammenlegung der Teams ermöglicht hat. Dadurch hat die Kommunikation massiv zugenommen, und auch das gegenseitige Verständnis konnte gesteigert werden. Vor allem im IT-Bereich, in welchem es aufgrund der Umstellung auf die CS-Plattform einige Anpassungen gab, ist die Hilfsbereitschaft beeindruckend. Das zeigt, wie wichtig es ist, die Leute sehr schnell zusammenzubringen. Das würde ich rückwirkend viel schneller umsetzen.

Ihrem Vorgänger wurde nachgesagt, dass er sich zu wenig um die Integration der verschiedenen Banken bemüht hat. Was machen Sie anders?

Nützi: Jeder hat seinen eigenen Führungsstil. Ich hatte mit Herrn Stalder ein sehr gutes Einvernehmen und wir haben eng zusammengearbeitet. Er hat sich aus persönlichen Gründen entschieden, von seiner Funktion als CEO zurückzutreten. Nach seinem Ausscheiden habe ich zuerst mit sehr vielen Schlüsselleuten im Unternehmen und anschliessend mit Mitarbeitenden aller Einheiten persönliche Gespräche geführt. Ich habe gemerkt, dass die Leute grundsätzlich an Bord sind.

Ist ein Börsengang ein mögliches Zukunftsszenario für Clariden Leu?

Nützi: Ein Börsengang ist für uns kein Thema.

Hat die IT-Migration auf die CS-Plattform den Börsengang oder Verkauf der Clariden Leu nunmehr nicht verunmöglicht?

Nützi: Wie gesagt, ein Börsengang ist für uns kein Thema.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Nützi: Ich versuche sehr offen und sehr ehrlich zu sein, im Wissen, dass Ehrlichkeit manchmal auch weh tun kann. Und ich versuche, die Leute in die Entscheidungsfindung einzubeziehen. Sind die Entscheidungen gefällt, vertrete ich sie konsequent und stelle sicher, dass sie auch umgesetzt werden. Für mich ist ein partizipativer Führungsstil entscheidend. Ich habe ein sehr starkes Management-Team um mich und will die verschiedenen Fronteinheiten und Produkteinheiten in ihrer Autonomie noch deutlich stärken.

Welche ersten Ziele haben Sie sich als neuer CEO gesetzt?

Nützi: Wir wollen 2008 noch erfolgreicher werden. Momentan analysieren wir die Prozesse und Abläufe in den Back Offices. Ich will den Relationsship-Managern die Möglichkeit geben, sich noch stärker auf die Kundenbetreuung und Kundenakquisition konzentrieren zu können. Ebenso brauchen wir die richtigen Fondsprodukte mit entsprechender Performance. Unsere strukturierten Produkte sind state-of-the art. Wir wollen diese noch stärker im internen und externen Markt verkaufen.

Heisst extern für Sie CS?

Nützi: Extern heisst der Markt. Die Credit Suisse ist dabei ein Marktteilnehmer ebenso wie andere Banken und Finanzgesellschaften.

Wie sind Sie persönlich investiert?

Nützi: Ich bin breit diversifiziert, ich habe eine relativ grosse Cash-Position und der Rest ist in Aktien investiert.

Keine strukturierten Produkte?

Nützi: Strukturierte Produkte habe ich wenige. Ich habe mich immer darauf konzentriert, in Aktien tätig zu sein. Obligationen habe ich auch keine. Ich bin ein langfristig orientierter Anleger.

Hand aufs Herz: Hat Ihr Depot einen Home-Bias?

Nützi: Nein.