Die neuen alternativen Handelsplattformen können auf Kosten traditioneller Börsenbetreiber massiv Marktanteile gewinnen», erwartet Bob McDowall, European Research Director von TowerGroup. Die Beratungsgesellschaft kommt in einer aktuellen Studie nämlich zum Schluss, dass die Preise der Plattformen deutlich tiefer liegen als jene etablierter Börsenbetreiber.

Eine Transaktion über die alternative Handelsplattform Chi-X Europe kostet beispielsweise rund ein Fünftel des Preises, der an der London Stock Exchange (LSE) dafür bezahlt würde. Mit diesen Discountpreisen hat sich die Handelsplattform (siehe Box) in London einen Marktanteil von fast 20% gesichert.

Jetzt nimmt der Chi-X-Chef auch den Schweizer Markt stärker ins Visier. «Die Schweiz ist für uns sehr wichtig, und wir wollen rasch zusätzliche Marktanteile gewinnen», sagt Peter Randall, CEO von Chi-X. Abgesehen hat er es allerdings nur auf das lukrative BlueChip-Segment, wo die Marktliquidität am grössten ist. Aktuell werden rund 5% des Volumens bei den 20 Titeln des Swiss Market Index (SMI) über die Chi-X abgewickelt. Auch die alternative Handelsplattform Turquoise kommt laut eigenen Angaben auf einen Marktanteil von rund 5% bei den Schweizer Blue-Chip-Titeln.

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Etablierte Börsen in Zugzwang

Damit verbleibt der Grossteil des Kuchens nach wie vor bei der SIX Swiss Exchange. «Wir haben bei den SMI-Titeln noch immer einen Marktanteil von rund 90%», sagt Werner Vogt, Mediensprecher der SIX Group. Die Gebühren der neuen Konkurrenten wie Turquoise oder Chi-X sind zwar tiefer. «Doch unsere Geld-Brief-Spanne sowie der Vergleich der grössten Aufträge zum vorteilhaftesten Preis ist wegen der höheren Liquidität besser, womit der gesamte Auftrag für die Teilnehmer trotzdem in vielen Fällen günstiger ausfällt.»

Dennoch musste die Schweizer Börse bereits Zugeständnisse machen. Im Oktober letzten Jahres wurden die Handelsgebühren erneut um 30% gesenkt. Jetzt ist vorläufig zwar keine weitere Reduktion geplant. «Mittelfristig bleiben die Handelsgebühren aber weiter unter Druck», sagt Vogt. Einen Gebührenkrieg wolle man aber nicht austragen. Denn Börsenbetreiber wie die SIX Swiss Exchange haben ein völlig anderes Geschäftsmodell und den Auftrag, Kotierung und Handel auch für Small und Mid Caps anzubieten.Entscheidend wird letztendlich sein, ob die neuen Konkurrenten auch genügend Liquidität auf ihre Plattformen ziehen können. Längst nicht alle sogenannten Multilateral Trading Facilities (MTF), die derzeit wie Pilze aus dem Boden schiessen, werden überleben. Experten schätzen, dass weniger als eine Handvoll Plattformen übrig bleiben werden. Zusammen dürften diese Plattformen rund 20% des Marktes auf sich vereinen. Dabei werden den beiden Handelsplattformen Chi-X und Turquoise derzeit die grössten Erfolgschancen eingeräumt.

Die neue Konkurrenzsituation reicht aber, um die Börsen in Europa in Zugzwang zu versetzen. «Die Börsen müssen sich weiterentwickeln, um zu überleben», so Bob McDowall. Bereits heute zeigt sich, dass die Börsenbetreiber nicht nur ihre Gebühren senken, sondern auch ihre Angebote für die Marktteilnehmer verbessern.

SIX: Gespräche mit Turquoise

Die SIX Group bietet über die Wertschöpfungskette Dienstleistungen an, zum Beispiel auch in der Abwicklung. Hier kann die SIX Group über die SIX x-clear von der Marktöffnung im Bereich Clearing und Settlement profitieren. So wickelt SIX x-clear seit Kurzem auch die Wertschriften an der London Stock Exchange (LSE) ab, was vorher nur dem London Clearing House vorbehalten war.

Anfang dieses Jahres hat SIX x-clear die Gebühren um rund 20% gesenkt und sich seither bereits Aufträge von alternativen Plattformen wie Euromillenium oder Liquidnet ergattert. «Die Vereinbarung mit Chi-X wird im Sommer in Kraft treten, und auch mit anderen namhaften Handelsplattformen wie Turquoise sind wir im Gespräch», sagt Marco Strimer, CEO von SIX x-clear.

Chi-X und Turquoise sorgen mit eigenen neuen Clearing-Häusern für mehr Wettbewerb. Mit diesen Vereinbarungen soll eine grenzüberschreitende Wertpapier-Abwicklung erreicht werden.

Für Kunden vernachlässigbar

Für den Bankkunden fällt der Preiskampf unter den Handelsplattformen und Börsenbetreibern sowie den Clearing-Häusern allerdings nicht ins Gewicht. « Die Gebühren für den Handel und die Abwicklung machen zusammen nur etwa 3 bis 4% der Gesamtkosten für eine Transaktion aus», sagt Vogt. Zudem liegt es in der Hand der Banken, ob die tieferen Handels- und Abwicklungsgebühren dem Kunden weitergegeben werden.