Sell in May and go away» lautet eine der beliebtesten Börsenregeln. Auf lange Sicht bringen die Börsenmonate zwischen Oktober und April mehr Rendite, so die Statistik. Der Kopf steht den Anlegern derzeit jedoch nicht nach Börsenweisheiten.

Die Marktturbulenzen der letzten Monate haben die Stimmung an den Aktienmärkten gründlich vermiest. Seit Anfang Jahr befinden sich der Swiss Market Index (SMI) und der Swiss Performance Index (SPI) im Sturzflug. Ersterer hat 16% und der SPI seither fast 15% an Wert verloren. Und nicht erst seitdem: Bereits im vergangenen Sommer zeigten die Aktien auf breiter Front deutliche Abgaben. Die Ampeln für den Verkauf von Titeln stehen also nicht gerade auf grün. Nach den herben Kursrückgängen seit letztem Sommer müssten die Anleger bei Verkäufen jetzt deutliche Verluste in Kauf nehmen.

2008 nicht erfolgversprechend

«Ich halte es für eher unwahrscheinlich, dass die ‹Sell in May and go away›-Strategie dieses Jahr gewinnbringend ist», sagt auch Maximilian Münch, Leiter Aktien Schweiz bei der UBS. Er geht davon aus, dass in der zweiten Jahreshälfte der Abwärtsdruck nachgeben wird. «Der negative Newsflow wird sich legen und die Volatilität nachlassen. Es wird dann wieder mehr Gewicht auf die Fundamentaldaten gelegt», so Münch.

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Nicht auf saisonale Effekte, sondern auf Fundamentaldaten zu achten, empfiehlt Claude Zehnder, Leiter des Aktienresearch bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB), generell. «Alle Börsenweisheiten sollten mit sehr viel Vorsicht genossen werden», sagt Zehnder. Und: «Ich habe den Eindruck, dass diese Börsenregeln je länger, je weniger zuverlässig sind.» Er legt daher den Anlegern nahe, längerfristige Strategien zu definieren und zu befolgen.

Auf die Frage, welche Titel und Branchen derzeit – trotz breitem Abwärtstrend am Aktienmarkt – noch auf die Verkaufsliste gehören, antwortet Zehnder: «Die Chemie ist sehr anfällig für Enttäuschungen. Die hohen Rohstoffkosten und geringe Preissetzungsmacht sprechen gegen Ciba und Clariant.» Auch die Finanztitel empfiehlt der ZKB-Analyst zur Untergewichtung. Im Weiteren steht Swatch auf der Verkaufsliste. «Die Luxusgüterindustrie dürfte von der weltweiten Wachstumsverlangsamung überproportional getroffen werden», lautet die Erklärung. Verkaufen würde Zehnder auch Kudelski-Aktien. «Das Unternehmen musste einen Umsatzrückgang registrieren. Ausserdem ist es nicht mehr gut positioniert und es herrschen viele Unsicherheiten.»

Grundsätzlich fällt seine Einschätzung für die Entwicklung des Aktienmarktes skeptisch aus: «Ich erwarte bis Mitte Jahr eine erhöhte Volatilität.» Es sei noch zu früh, um abzuschätzen, welche Auswirkungen die Marktturbulenzen auf die Weltkonjunktur hätten. Ausserdem werde die Abhängigkeit von den USA unterschätzt, so lautet die Erklärung.

Optimistischer ist hingegen UBS-Analyst Münch: «Wir haben derzeit keine Schweizer Titel auf der Sell-Liste.» Grund dafür seien die tiefen Bewertungen des Schweizer Aktienmarktes. Vorsicht ist gemäss Münch hingegen bei Konsumgütertiteln mit starkem US-Exposure angesagt: «Wir gehen davon aus, dass das Konsumverhalten schwierig bleiben wird», sagt Münch.

Auf längere Sicht Zusatzrendite

Dieses Jahr kann also die «Sell in May and go away»-Börsenweisheit getrost ignoriert werden. Wer die Börsenregel jedoch längerfristig und konsequent beherzigte, erzielte im Schnitt eine bessere Performance. Am SMI und SPI haben in sieben von zehn Fällen die Wintermonate Oktober bis April besser abgeschnitten als die Sommermonate Mai bis September.

Zu diesem Ergebnis ist auch eine Studie der UBS gekommen. Diese hat den Aktienmarkt in den USA, Deutschland, Japan, Grossbritannien und der Schweiz seit 1970 analysiert und ist zu dem Schluss gekommen, dass die Aktien in den Wintermonaten deutlich besser laufen als im Sommer: Die Winter-Performance lag im Schnitt bei 9,5%, jene im Sommer nur bei 1,4%. Insgesamt lag in den untersuchten 38 Jahren in etwa 75% der Fälle die Performance im Winter über jener des Sommers.

Doch wieso tritt dieses Phänomen überhaupt auf? ZKB-Analyst Zehnder macht reine Empirie und statistische Beobachtungen geltend. Auch UBS-Analyst Münch gesteht: «Über die Gründe sind wir selbst nicht so ganz schlau geworden.» Mögliche Erklärungsansätze sind die reduzierte Liquidität, weil viele Leute im Urlaub sind, die gedrosselte Wirtschaftstätigkeit der Industrie in den Sommermonaten oder Gesetzesänderungen, welche im Januar in Kraft treten. «Die Handelsvolumen sind dann jeweils Ende Dezember und Anfang Januar höher», so Münch.