Mag der deutsche Wahlkampf auch noch an Hitze gewinnen die Meinungen über dessen Ausgang sind beim Publikum schon gemacht. Das Wettbüro Gamebookers etwa führt eine Koalition von CDU und FDP als wahrscheinlichste Variante. Für jeden gesetzten Euro gibt es dort im Fall eines Gewinns 1,42 Euro zurück. Für eine grosse Koalition gibt es dagegen schon 4 Euro, für eine gemässigte Linksregierung mit SPD und Grünen 15 und gleich hoch ist die Quote für eine «Jamaika-Koalition» aus CDU, FDP und Grünen.

Am unwahrscheinlichsten wird eine Kombination von SPD und Linke eingestuft - hier erhalten Zocker das 34-Fache ihres Einsatzes zurück, wenn diese Koalition nach dem Ende der Wahlen am 27. September an die Macht gelangt.

Wahlen belasten den Dax

Auch das Anlegerpublikum erwartet den 27. nicht minder mit Spannung, aber mit mehr Zurückhaltung. So auch die Analysten, die sich im Vorfeld mit den deutschen Bundestagswahlen beschäftigt haben. «In der Vergangenheit folgte dann eine Performance des Dax zwischen minus 44% und plus 40%» sagt Tammo Greetfeld, Analyst bei UniCredit in München. Meistens habe sich der Trend, der bis zum Wahltag dominierte, auch danach fortgesetzt. Denn schliesslich sei die wirtschaftliche Entwicklung für den mittelfristigen Trend des deutschen Aktienmarktes entscheidend.

«Die Geschichte zeigt, dass Wahlen den Dax nur selten stark bewegen», sagt auch Exane-Analyst Lars Kreckel. «Historisch lässt sich belegen, dass der Dax jeweils im Monat vor der Wahl 1% unter- und in der Woche danach 1% überperformt.» Nach CDU-Wahlsiegen schnitt die Deutsche Börse jeweils leicht besser ab als nach SPD-Siegen. Kreckel äussert sich auch skeptisch über die Effekte möglicher Entlassungswellen nach der Wahl. Die Konsensschätzungen lägen für Deutschland bereits jetzt höher als im europäischen Vergleich, und das Fehlen grosser Entlassungswellen sei vor allem auf den unflexiblen deutschen Arbeitsmarkt zurückzuführen - und weniger auf eine Strategie der Wirtschaft, schlechte Nachrichten auf die Zeit nach der Wahl zu verschieben.»«Die jüngsten Umfrageergebnisse weisen auf einen Zuwachs bei der CDU und einen Rückgang bei der SPD hin», sagt Lars Slomka, Analyst bei der Deutschen Bank. Er und seine Kollegen halten eine CDU-FDP-Koalition für den wahrscheinlichsten Wahlausgang - auch wenn das grosse Fernsehduell zwischen Kanzlerin und dem Herausforderer am 13. September die Waage noch etwas verschieben könnte.Auch wenn der Gesamtmarkt laut den Analysten wenig auf die Wahlen reagieren dürfte - bei einzelnen Branchen rechnen sie mit bedeutenden Effekten.

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Steigende Kurse mit der CDU

«Die Konjunkturgprogramme und der regulatorische Druck einzelner Branchen dürften die Politik der nächsten Jahre und damit auch die Wirtschaft stärker als bei den vergangenen Wahlen prägen», sagt Kreckel. Eine konservativ-liberale Regierung dürfte bezüglich der Atomenergie einen Ausstieg vom Ausstieg vornehmen, erwartet Slomka. Damit wäre der Beschluss der Grossen Koalition gegen die Verlängerung der Nutzungszeit von Atomkraftwerken hinfällig. Die grossen Gewinner wären die beiden Versorger RWE und E.On. Bei RWE wäre dabei der kurzfristige Effekt auf den Konzerngewinn etwas grösser, für E.On hat dafür die Summe der einzelnen Firmenteile ein etwas grösseres Aufwertungspotenzial.

«Weitere Gewinner einer CDU-FDP-Koalition wären die Banken, weil dann der regulatorische Gegenwind etwas geringer wäre», erwartet Exane-Analyst Kreckel. Es ist indes schwierig, die Effekte zu quantifizieren. Bei den Bankenwerten in Deutschland führt kaum ein Weg an der Deutschen Bank vorbei. Diese weist zwar weiterhin ein hohes Verhältnis zwischen Fremd- und Eigenkapital («Leverage») auf. Dafür sind die Deutschbanker bisher ohne staatliche Hilfen und schmerzhafte Abschreiber durch die Krise gekommen. Indirekt wären auch ausländische Häuser mit nennenswerter deutscher Präsenz im Investment oder Private Banking wie die UBS, Credit Suisse sowie Julius Bär, Vontobel und Sarasin Nutzniesser.

Gewinner nach beiden Seiten

So oder so profitieren dürften die Firmen aus den Bereichen erneuerbare Energien (Wind, Solarstrom) sowie von Unternehmen, die Technologien zur Steigerung der Energieeffizienz einsetzen. Weil - unabhängig vom Wahlausgang - weiterhin viel Geld in Infrastrukturvorhaben fliesst, dürften auch Firmen wie der Zementkonzern Heidelberg Cement oder der Eisenbahntechnikkonzern Vossloh profitieren. Auch Holcim als Zementlieferant sowie ABB als Produzent energieeffizienter Netztechnologien dürften hier zu den Gewinnern zählen.

Verluste mit Linksgrün

Ein sicherer Verlierer im Fall einer linksgrünen Wahl unterschiedlicher Couleur wäre laut Kreckel die Aktie der Deutschen Börse. «Sowohl SPD, als auch Grüne und die Linken hatten eine Steuer auf Aktiengeschäfte angekündigt, die der Stempelsteuer in Grossbritannien gleicht», sagt Kreckel. Wenn eine solche Steuer nach der Wahl beschlossen würde, erwarte er im Vorfeld des Stichtages höhere Handelsvolumen bei der Deutschen Börse und danach niedrigere, weil Anleger dann weniger oft handeln und ihre Liquidität auf andere Börsenplätze umlenken würden.» Die nicht kotierte Schweizer Börse SIX könnte hiervon profitieren.

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Gewinner wären bei einem Linksrutsch konsumnahe Aktien wie die Retailer Metro und Medion. Ebenfalls auf der Gewinnerseite zu finden, wären breit aufgestellte Versicherungswerte wie Allianz sowie ihre Konkurrenten aus der Schweiz wie Zurich Financial Services oder Swiss Life. Letztere aufgrund der zunehmenden Bedeutung der privaten Altersvorsorge. Hoffnung gäbe es schliesslich für die Autohersteller wie BMW und Daimler, die mit dem Mini bzw. dem Smart bereits Feldversuche mit Elektroautos unternehmen.