Was beschäftigt derzeit die Finanzmärkte?
Der Blick richtet sich auf die US-Notenbank Fed. Diese wird der Voraussicht nach die Leitzinsen erneut um 25 Basispunkte erhöhen und so den Markterwartungen folgen – alles andere wäre eine Überraschung. Von grösserem Interesse dürften die Erläuterungen der Fed zum längerfristigen Pfad sein. Für die Finanzmärkte von Bedeutung sind zudem der Handelsstreit zwischen den USA und China sowie die BREXIT-Verhandlungen. Schliesslich bleibt auch Italien für eine Überraschung gut. Die Italiener müssen bis am 27. September die Eckwerte für ihre Finanzplanung bekannt geben, welche dann zur Vernehmlassung an die EU gehen. Dies kommt bei der aktuellen politischen und finanziellen Lage unseres südlichen Nachbarn einem Hochseilakt gleich.

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Wie wird sich die Schweizer Börse kurzfristig entwickeln?
Die Notenbanken diesseits des Atlantiks haben ihre September-Sitzungen bereits abgehalten. Hier bleibt geldpolitisch alles beim Alten. Somit stellen vorderhand Politik und Wirtschaft die relevanten Treiber dar. Dies birgt negatives Überraschungspotential, womit ich kurzfristig für die Börsenentwicklung zurückhaltend bin.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?
Dies hängt von zwei vorgelagerten Fragestellungen ab: «Wie entwickelt sich der Handelsstreit USA/China?» und «Wie entwickelt sich der EUR/CHF-Kurs?». Beide Themen sind politisch beeinflusst und daher schwierig zu prognostizieren. Ergibt sich eine (partielle) Einigung im Handelsstreit und tendiert der EUR relativ zum Schweizer Franken wieder nach oben, sind Kurssteigerungen des SMI auf ein Niveau von über 9‘500 Punkten realistisch.

Christof_Strässle

Christof Strässle ist Gründungs- und Managing Partner der Strässle Schumacher in Luzern. Die Strässle Schumacher AG ist spezialisiert auf unabhängige Vermögensberatung und strategische Finanzplanung.

Quelle: (C) Patrick Kaelin

Der amerikanische Präsident Trump droht China mit weiteren Zöllen – wie wirkt sich der eskalierende Konflikt auf die Börse aus?
Die Situation bleibt undurchsichtig, und keine der beiden Parteien wird rasch nachgeben. Im Hintergrund geht es aber um viel mehr als um die aktuellen Handelsströme. Die USA haben ein ausgesprochen hohes Interesse daran, im Technologiebereich der Leader zu bleiben. Sie sehen sich durch Pläne Chinas zum Vorantreiben der Entwicklung bei Themen wie künstliche Intelligenz, selbstfahrende Autos, 5G-Datennetz sowie Batterie-Technologien in ihrer Führungsrolle bedroht.   

Vergangene Woche hob die türkische Zentralbank die Zinsen stark an – der richtige Schritt, um die Krise in der Türkei aufzufangen?
Die Probleme der Türkei sind vielschichtig. Die hier angesprochene Zinserhöhung zielt darauf ab, die Inflation zu bekämpfen und die Landeswährung zu stabilisieren. Ob dies nachhaltig gelingt, ist fraglich. Dies zumal unverändert die Frage im Raum steht, wie unabhängig die türkische Notenbank wirklich agieren kann. Im Gleichzug belasten höhere Zinsen die Wirtschaft und die Unternehmensgewinne. Eine gesunde Entwicklung wäre hier jedoch notwendig, um das Leistungsbilanzdefizit zu verbessern und die Auslandverschuldung zu verringern.  

Laut jüngster Konjunkturprognose wächst die Schweizer Wirtschaft in diesem Jahr noch stärker als gedacht. Beflügelt das die Börse?
Die erhöhten BIP-Prognosen des SECO sind vom Markt ohne grössere Bewegungen zur Kenntnis genommen worden. Bevor neue Dynamik in die Märkte kommt, müssen nun die politischen Unsicherheiten aus dem Weg geräumt werden.

Nachhaltiges Investieren liegt im Trend – in der Schweiz allerdings noch nicht so verbreitet –  lassen sich damit hohe Renditen erzielen?
Es gibt eine Vielzahl an Studien, welche in der Tendenz einen Mehrwert aus nachhaltigen Anlagen versprechen. Nachhaltigkeit ist jedoch etwas zum Modewort geworden, das sich bei näherer Betrachtung nicht selten nur als cleveres Marketing präsentiert. Viele aktive Vermögensverwalter berücksichtigen ökologische, ethische und soziale Faktoren seit vielen Jahren in ihren Analysen und Anlageentscheiden und investieren nicht in problematische Unternehmen. Zudem ist Nachhaltigkeit kein universaler Begriff, sondern erhält je nach Branche einen anderen Stellenwert. Eine konstruktive Diskussion über Nachhaltigkeit und ein Fokus auf das Wesentliche drängen sich somit vermehrt auf.